Ukraine, Gaza, Libanon, Iran, Sudan – derzeit beschäftigen uns viele Kriege. Da fragt Kita-Global: Wie sieht Friedenspädagogik in der Kita in diesen kriegerischen Zeiten aus? Wir freuen uns sehr, dass wir Sibylle Weiler und Karl-Heinz Bittl sprechen können, um Antworten auf diese Frage zu finden. Die beiden arbeiten beim Fränkischen Bildungswerk für Frieden e.V. in Nürnberg und bieten Friedensbildungsarbeit auch im Elementarbereich an.
Friedenspädagogik in der Kita, das klingt vielleicht erst mal ein bisschen abstrakt. Wie erklärt ihr Eltern und Kolleg*innen, was das ist und warum das Thema für Kitas relevant ist?
Sibylle Weiler: Nun, Frieden sehe ich als etwa Umfassenderes, als die Abwesenheit von Krieg. Die Friedensarbeit ist nicht fokussiert auf Krieg, sondern eher darauf, wie das Zusammenleben, die Gemeinschaft strukturiert und gestaltet ist. Wenn ein Kind in die Kita kommt, erlebt es zum einen, wie es in eine Gruppe kommt, wie die Gruppe gestaltet ist. Ob die anderen ihm zuhören. Ob es sich angenommen fühlt, ob es sich wohlfühlen kann. Zum anderen taucht Streit ja gerade in der Kita oft im 5-Minuten-Takt auf. Also das heißt, das Kind lernt hier, wie es mit Konflikten umgehen kann.
Friedenspädagogik ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Gleichzeitig erreichen die Bilder aus der Ukraine oder Gaza auch die Kinder. Wie gehen Pädagog*innen damit um, wenn Kinder Fragen stellen oder Ängste äußern?
Karl-Heinz Bittl: Es ist ganz wichtig, dass Pädagog*innen nicht darauf warten, bis die Fragen kommen oder Ängste geäußert werden. Sie müssen davor schon den Raum dafür geben. Ein Beispiel: Wenn ich eine Einheit zu dem Thema Frieden mache, nehme ich so eine kleine Geschichte, in der es um die Freundschaft zwischen einem Hasen und einem Wolf geht. Sehr ungewöhnlich. Sie wissen voneinander. Auch, dass der eine der Fressfeind des anderen ist. Aber die beiden arrangieren sich. Mitten in der Geschichte geschieht etwas, wodurch der Wolf unheimlich gefährlich wird für den Hasen – da breche ich ab und lasse ich die Kinder die Geschichte weiter malen. Das Interessante ist, dass nun die Bilder kommen. Da wird der Hase bombardiert und ähnliches. Wichtig ist, diesen Bildern auch erst einmal den Raum zu geben. Dass niemand diese moralisch verwirft, sondern erkennt: „Okay, ja, das macht dir wahrscheinlich Angst.“
Sibylle Weiler: In den meisten Kitas – zumindest hier in unseren Einrichtungen in Nürnberg – ist der Krieg schon da, dadurch, dass Menschen aus Kriegsgebieten kommen. Es geht ja nicht nur um die Ukraine und Gaza. Es ist wichtig, dass sichtbar werden darf, was da ist. Denn die Kinder bringen ihre Geschichten ja mit. Ich habe zum Beispiel das Bild im Kopf von einem schon etwas älteren Mädchen aus Westafrika, das in ihrer kindlichen Art sagte: „Alle Männer sind mit Gewehren herumgelaufen. Die waren schon ein bisschen verrückt.“ Und ihre Schwester wäre beinahe entführt worden. Also, das heißt, die Themen sind da.
Werkstatt-Treffen: Friedensarbeit in der Kita
Praxis. Austausch. Und Raum für das, was im Alltag oft zu kurz kommt: 3. bis 5. August 2026 nahe Kassel – mit Sibylle Weiler und Karl-Heinz Bittl
Das kommende Werkstatt-Treffen von Kita-Global Pädagog*innen, Referent*innen und Multiplikator*innen im Elementarbereich ein, die Friedenspädagogik in der KITA gemeinsam weiterzudenken. Im Mittelpunkt steht die Friedensbildung in der Kita – verstanden nicht nur als Abwesenheit von Krieg, sondern als Gestaltung von Beziehungen. Als ein bewusster Umgang mit Macht und als ein Beitrag zu gesellschaftlichem Zusammenhalt. Neben dem Workshop mit Sibylle und Karl-Heinz wird es genug Raum für Austausch, Praxis-Ideen und einen OpenSpace geben.
Wo zieht ihr die Grenze zwischen kindgerechter Aufklärung und Schutz vor Belastung?
Karl-Heinz Bittl: Ich sehe es andersherum. Ich kenne viele Erziehende und Eltern, die sich überfordert fühlen von dem, was die Kinder fragen. Also, ich erlebe, dass nicht die Kinder überfordert sind, sondern eher die Erwachsenen. Sie erleben sich bei diesen Themen selbst ohnmächtig und ich möchte sie ermutigen, dass sie ihre eigene Überforderung und ihre eigene Angst teilen. Kinder spüren diese ja sowieso.
Wenn ich zum Beispiel in einer Grundschule arbeite, machen wir da ein Gefühlsrad – und momentan ist der Krieg auf dem Gefühlsrad immer zu finden. Das kommt von den Kindern selbst, sie thematisieren das und brauchen auch den Raum dafür. Und dann darf man nicht vergessen: Kinder erleben, wenn sie mediatisiert sind, Tag für Tag einige Tode. Der Krieg ist auch in den Spielen vorhanden, die die Kinder spielen.
Natürlich können Kinder überfordert werden, wenn Pädagog*innen unsensibel sind. Natürlich sollten die Kinder keine Bilder von Leichen und zerstörten Wohnungen sehen. Aber den Kindern den Raum zu geben, dass sie das darstellen können, das überfordert kein Kind. Es sind die Erziehenden, die damit oft ein Problem haben.
Wie sieht ein guter Umgang mit der eigenen Überforderung aus?
Sibylle Weiler: Grundsätzliche müssen alle Gefühle erst mal einmal erlaubt sein und da sein dürfen. Niemand muss immer gleich auf alles eine Antwort haben. Aber es ist sehr wertvoll, wenn ein Kind seine Angst ausdrückt oder seine Traurigkeit und ich darauf reagieren kann. Dann kann ich Trost geben, in Beziehungen gehen und von mir selbst erzählen. Das ist das, was in dem Ganzen trägt.
Karl-Heinz Bittl: Wir haben vor kurzem ein paar Experimente gemacht und das Thema mit ganz einfachen, niedrigschwelligen Mitteln aufgegriffen. Zum Beispiel haben wir da ein Zukunftsbüchlein gestaltet. Alle Teilnehmenden kamen, glaube ich, aus schwierigen Gebieten. Ein Mädchen beschrieb für ihre Zukunft: „Ich möchte wieder einmal mit meiner Oma zusammen auf der Bank sitzen.“ Sie kam aus der Ukraine und ihre Oma ist noch dort. So etwas darf im Raum stehen bleiben. Ich möchte Erziehende dabei ermutigen, in so einer Situation nicht reinzugrätschen und zu sagen: „Ja, die Oma wird schon irgendwann wiederkommen.“ Keine Beschwichtigungen. Es ist einfach traurig, dass sie diesen Kontakt nicht hat. Es ist traurig, dass sie ihre Spielkameraden nicht mehr sieht. Es ist einfach traurig.
Sibylle Weiler: Dazu kommt, dass wir ja nicht nur durch den Krieg mit Tod und Verlustangst konfrontiert sind. Bei den Zukunftsbüchlein war zum Beispiel auch ein Mädchen, das hier in Deutschland geboren ist, deutsche Eltern und noch nie Krieg erlebt hat. Aber das erste in seinem Zukunftsbüchlein war, dass sie möchte, dass ihre Mama und ihr Papa immer da sind. Auch ohne Krieg gibt es diese Ängste vor Verlust und Tod. Sie gehören ein Stück weit zum Leben dazu.
Karl-Heinz Bittl: Wir haben dann noch eine zweite Einheit gemacht: Frieden in der Hosentasche. Dabei haben wir mit Kindern, Eltern und Erziehenden darüber gesprochen, was Frieden ist. Auch da kamen ganz viele schöne Assoziationen. Außerdem stellten wir die Frage: „Wo ist denn der Ort eures Friedens? Wo könnt ihr Frieden finden?“ Nicht nur privat, sondern auch im Zusammenspielen mit anderen. Ein Kind war total begeistert und rief: „Ja, ich finde den Frieden auf dem Fußballfeld! Ich bin totaler Fußballspieler.“
Zum Abschluss haben wir kleine Kräuterkissen mit Friedenssymbolen außen drauf gemacht. Da war plötzlich so eine ganz große Konzentration und Ruhe im Raum. Da war was spürbar, was eine ganz große Kraft hatte. So können Pädagog*innen das Thema „Frieden“ mit Kindern und Eltern bearbeiten – mit Eltern, die ganz viele Schicksale durch den Krieg erlebt haben. Dabei geht es um dieses Akzeptierende – also nicht das Resignieren! Sondern darum, zu sagen: „Krieg darf eigentlich nicht sein. Aber wir dürfen trotzdem daran denken, dass Frieden eine reale Möglichkeit ist – im Kleinen und dann vielleicht auch im Großen.“
Und dass das kleine Symbole braucht. Mir geht es schon auch manchmal so wie vielen anderen: Frieden ist erst mal nicht greifbar. Er ist so abstrakt. Aus diesem Gedanken heraus entstand diese Einheit mit den Kräuterkissen und dem Friedenszeichen. Damit haben die Menschen ein Zeichen, ein Symbol, das sie in die Hosentasche stecken können und sich immer wieder daran erinnern. Das macht das Große greifbar.
Was ist Frieden für euch?
Sibylle Weiler: Für mich hat Frieden ganz viel mit den Nachhaltigkeitszielen zu tun und mit Bildung für nachhaltige Entwicklung. Frieden bedeutet, dass wir uns als Menschen begegnen, dass es Gerechtigkeit gibt, dass ich gute Lebensbedingungen habe. Frieden bedeutet, dass ich mit den anderen Menschen zusammen meinen Lebensraum gestalten kann, dass es dem Leben zugewandt ist, dem Schöpferischen und der Gestaltungskraft.
Karl-Heinz Bittl: Ich würde Frieden ungern definieren, denn da gibt es genug Bücher dazu. Was mich sehr beeindruckt hat, waren vor kurzem Menschen, die auf einer Jahrestagung des Förderprogramms entwicklungspolitischer Bildungsarbeit (FEB, https://feb.engagement-global.de) ihr Projekt „Das Gute Leben“ genannt und damit Friedensarbeit gemacht haben. Der Begriff „Shalom“ oder „Selam“ ist ja damit verbunden, dass wir einen Frieden finden, in dem wir als Gesellschaft gerecht, gleich, mit Würde und all diesen Werten leben können. Frieden ist für mich deshalb nichts Personelles. Frieden ist strukturell angelegt. Aber das sind die Nachhaltigkeitsziele ja auch.
Sibylle Weiler: Deshalb glaube ich auch nicht an diese Redensart „Der Frieden fängt im Kleinen an.“ Also bei mir. Ich muss nur ganz lieb und nett sein und die ganze Zeit perfekt, dann gibt es Frieden. Das glaube ich eben nicht. Zum Frieden gehören Bedingungen. Zum Beispiel muss es genug Mittel und Güter für alle geben, anstatt sie in die Rüstung zu stecken. Frieden kann nicht gleichzeitig mit Aufrüstung existieren, wie es gerade so oft erzählt wird.
Streit gehört zum Frieden dazu. Da wundern sich manchmal die Pädagog*innen. Oft erleben wir zum Beispiel in Schulklassen, dass es als nicht okay angesehen wird, wenn Streit auftaucht. Dann gibt es die Vorstellung, dass irgend etwas schief gelaufen ist. Jemand hat etwas falsch gemacht. Jemand sollte sich dafür schämen. Doch wir sagen: „Da, wo Menschen zusammenleben und zusammenarbeiten, gehören Streit und Konflikte einfach ganz normal dazu.“ Das zu erkennen und anzunehmen, bewirkt oft schon eine grundlegende Veränderung. Denn wenn Streit dazu gehört, dann können Menschen anfangen zu lernen, wie sie konstruktiv miteinander streiten können.
Das bedeutet, dass Friedenspädagogik in der Kita kein einmaliges Projekt ist, sondern strukturell verankert?
Karl-Heinz Bittl: Ja, gut wäre es schon. Und ich sehe auch viele Erziehende in diese Richtung arbeiten. Sie versuchen, den Kindern eine Vorstellung von Gerechtigkeit oder von Gleichheit zu geben, dass alle sinnvoll mit Gütern umgehen. Das sind die Basics, die in der Friedenspädagogik eine große Rolle spielen. Aber das, was Sibylle gerade gesagt hat, da schwächelt es oft. Viele haben nämlich die Vorstellung, dass Frieden Harmonie bedeutet. Frieden ist aber nicht harmonisch. Frieden ist lebendig. Frieden ist also kein harmonisches, gleichförmiges, langweiliges Schwingen. Frieden bedeutet, das Unterschiede gelebt werden dürfen. Und dass damit auch Konflikte gelebt werden dürfen. Konflikte dürfen halt nur nicht in Gewalt übergehen.
Aus diesem Grund machen wir beispielsweise oft eine Training-Sequenz zum Thema „Wut“. Wut ist ja wichtig. Sie ist gut. Wir brauchen sie, weil sie uns schützt. Aber sie darf nicht zur Gewalt ausarten. Das heißt, ich muss Wege finden, wie ich wütend sein kann, ohne jemanden zu schädigen. Das gilt auch für die Erziehenden. Es hat keinen Sinn, wenn Erziehende andauernd lieb und nett sind und ihre Wut herunterschlucken. Dann reagieren sie irgendwann mit Ironie und Zynismus und werten die Kinder ab.
Gott sei Dank fragen Kinder immer und hören nicht auf: „Wieso muss das sein? Warum muss das sein?“ Das ist – auch für die Erziehenden – ein ständiger Lernprozess. Kinder kümmern sich dabei um Frieden. Meiner Erfahrung funktionieren Kinder nicht nur, sie rebellieren halt auch.
Was können Pädagog*innen mit der Friedenspädagogik in der Kita praktisch anfangen?
Sibylle Weiler: Das Allerwichtigste ist, einfach authentisch da zu sein und in Beziehung zu gehen mit den Kindern. Das ist der Grundbaustein.
Karl-Heinz Bittl: Rituale und Feste sind eine gute Gelegenheit, auch um religiöse Hintergründe zu erkennen. Sie sollten sie nicht raushalten, weil sie irgendeinen Konflikt befürchten. Zum Beispiel kann ein Sankt-Martin-Fest auch mal nicht-christlich sein: Er war der erste Kriegsdienstverweigerer, der schriftlich dokumentiert ist. Da können Erziehende eine Geschichte draus machen. Oder das Lichterfest für Menschen, die im jüdischen Glauben beheimatet sind. Daraus können sie ganz viel machen, weil dieses Fest ganz viel Hoffnung gibt und entzündet. Sie können das Ende des Ramadan feiern, da hier genau die Verbindung, die Kraft der Gemeinschaft, eine Rolle spielt.
All diese Rituale können Erziehende ohne weiteres in die Kita reinholen. Oft gibt es Ängste, dass sich jemand ausgeschlossen fühlen könnte, wenn so etwas Spezifisches in der Kita gemacht wird. Aber das ist kontraproduktiv. Das, was ich für wichtig halte, ist, dass Unterschiede lebbar sind. Also, dass sie sichtbar werden dürfen, ohne bewertet zu werden. Es sollte etwas Alltägliches sein, dass Kinder unterschiedlich sind und nicht gleichförmig sein müssen. Das ist ein großer Vorteil der Kita: Eine Schule hat ein Lernprogramm. Eine Kita kann erziehen. Das ist eine große Qualität.
Die Eltern mitzunehmen, ist auch wichtig. Viele Eltern kapseln sich ein bisschen von der ganz wichtigen Herausforderung ab, ihre Kinder ein Stück weit mit der Realität direkt zu konfrontieren. Ich habe oft den Eindruck, dass sie ihre Kinder dort abgeben wollen, wo sie bespaßt werden. Wichtig wäre aus meiner Sicht aber auch, dass Eltern wieder entdecken, dass ihre Kinder sie ja auch ganz schön erziehen und weiterbringen.
Dazu ist das gemeinsame Spielen wichtig. Denn Spiele haben meist mit existenziellen Themen zu tun – zum Beispiel zu verlieren, ausgeschlossen zu werden, zu sterben. Ja, manche Spiele sind auch tatsächlich Spiele, die Krieg simulieren. Das heißt nicht, dass Kinder mit Panzern spielen müssen. Zum Beispiel Fangspiele oder Konkurrenzspiele. Das Wichtigste ist, dass Kinder immer wieder mit anderen Kindern spielen. Also nicht auf dem Laptop, sondern mit Kindern. Nur so finden sie einen Zugang, um zu erkennen: „Okay, ich kann verlieren, ich kann gewinnen, ich muss niemanden erniedrigen und es kann viel Freude machen.“ Das detraumatisiert ganz viel.
Auch Eltern sollten unbedingt mit ihren Kindern spielen. Auch raufen. Väter und Mütter sollten sich bei kleinen Kindern einfach auf allen Vieren auf den Boden knien und die Kinder versuchen lassen, sie mal umzuwerfen. Dann findet ein Ringen statt, eine Auseinandersetzen und das ist total wichtig. Spiele mit echten Menschen sind ein wichtiges Mittel, um soziale Kompetenz zu lernen, Konfliktfähigkeit zu üben oder auch mal mit Problemen umzugehen.
Wie können Pädagog*innen in der Kita Eltern in die Friedenspädagogik einzubeziehen?
Sibylle Weiler: In der letzten Kita, in der wir das Zukunftsbüchlein und die Friedenskissen gemacht haben, waren wir total überrascht, als wir das erste Mal in den Raum kamen und 15 Eltern mit ihren Kindern sahen. Die Erziehenden erzählten uns, dass sie nach den Ferien noch einmal alle Eltern angerufen hatten, um zu sagen, wie wichtig das heute ist und ob sie nicht Lust hätten, dazu zu kommen. Sie haben also nicht einfach nur eine Erinnerungs-E-Mail verschickt, sondern tatsächlich mit allen Eltern telefoniert. Wir kriegen oft mit, wie schwierig es ist, dass sich Eltern für so etwas Zeit nehmen. Aber so kann es klappen. Außerdem locken Angebote mehr, wenn die Eltern etwas mit ihren Kindern gemeinsam machen, als ein reiner Elternabend.
Was hat sich in eurer Arbeit in den letzten Jahren verändert, was ist auch geblieben und wie schaut ihr in die Zukunft?
Karl-Heinz Bittl: Verändert hat sich, dass Engagement für den Frieden immer mehr in einem Spannungsfeld verschiedener parteipolitischer Interessensgruppen gesehen wird. Das macht es sehr schwierig. Auch Gruppen, die offensichtlich gewalttätig und militärfreundlich sind, verwenden heute den Friedensbegriff. Das erzeugt Berührungsängste. Damit umzugehen, ohne ständig in diese Abgrenzung gehen zu müssen, ist schwierig. Ich habe mit der Friedenspädagogik in den 1976/78er Jahren angefangen. Damals war es noch eindeutig, was Friedensarbeit und Friedensbildung heißt. Heute ist es eine Gratwanderung, damit man nicht in irgendeine extreme Ecke reinkommt.
Und das in einer Zeit, in der wir erkennen müssen: ohne Frieden verbauen die Zukunft unserer Kinder. Jeder Tag, an dem hochgerüstet wird und das Militär Kriege ausübt, ist ein Tag, an dem wir die Zukunft der Kinder zerstören. Dieses Bewusstsein ist verloren gegangen. Wir brauchen es wieder. Und zugleich brauchen wir auch das Bewusstsein, dass wir mit kleinen Dingen dazu beitragen können, dass es nicht so kommt. Ich erlebe also momentan einen großen Spagat.
Was mir Hoffnung gibt, das sind die Kinder. Sie haben diese Freude am Leben, die sehr ansteckend ist. Ich denke, wir Erwachsene müssen lernen, dass diese Freude am Leben ganz wichtig ist. Diese positive Orientierung am guten Leben – auch wenn gerade ganz viele Leute glauben, dass sich die Zukunft sicherer machen ließe, indem wir sie zerstören.
Und wie siehst du das, Sibylle?
Sibylle Weiler: Ich bin ja erst später zur Friedensarbeit gekommen – so etwa 1994 – und gehöre nicht zur Generation der Ostermärsche. Doch wenn ich in Kitas unterwegs bin, dann stelle ich oft fest, dass zum Beispiel bei den 17 Globalen Nachhaltigkeitszielen der Frieden gar nicht zum Bild der Pädagog*innen gehört. Erst wenn wir darüber sprechen, kommt etwas wie: „Stimmt, Frieden gehört ja auch dazu!“ Die Notwendigkeit von Frieden ist für viele also gar nicht so präsent.
Wichtig für mich und für uns ist die Rückbindung an unseren Verein Fränkisches Bildungswerk für Frieden e.V (https://conflict-transformation.de). Das gibt mir immer wieder Kraft. Ich bin nicht allein, sondern hier sind Menschen, die sich gegenseitig unterstützen oder mir Mut zusprechen, wenn ich ihn gerade mal verloren habe. Auch wenn wir in unseren Teamsitzungen immer wieder neue Sachen entwickeln. Dadurch kann ich sagen: „Ich glaube daran, dass immer wieder etwas wächst – und dass die Arbeit, die wir tun, auch ankommt.“
Termin-Tipp: Wildfrieden lernen
Basis-Seminar zur Friedensbildung. In zwei Präsenzseminaren und einer Reihe von Online-Treffen lernen Pädagog*innen:
- Die Grundlagen einer beziehungsorientierten Friedensbildung nach dem ATCC-Ansatz, d.h. wie Konflikte entstehen – und welche Hebel wirksam sind.
- Wie Pädagog*innen strukturelle Konflikte erkennen und gemeinsam Veränderung anstoßen können.
- Wie sich kulturell bedingte Konfliktthemen zeitnah angehen lassen.
- Wie Menschen über Frieden nachdenken und sprechen, ohne in die Rechtfertigungsfalle zu geraten.
- wie Friedensbildung Freude macht – auch angesichts der aktuellen Lage.
Das erste Seminar findet vom 7.–10.10.2026 in Niederkaufungen bei Kassel statt. Das zweite vom 3.–6.2.2027 in Hannover. Dazwischen gibt es Online-Treffen.
Was wünscht ihr euch von Pädagog*innen im Elementarbereich? Welche Botschaft oder Einladung habt ihr?
Sibylle Weiler: Ich tue mich schwer mit Appellen. Aber aus meiner Sicht ist es ganz wichtig, dass Menschen in der Friedenspädagogik authentisch da sind und sich auf andere einlassen. Dass sich Erziehende auf die Kinder einlassen und Räume schaffen, in denen dieses da sein dürfen, wie sie sind.
Karl-Heinz Bittl: Und wir müssen uns immer wieder deutlich machen, dass wir es sind, die diese Welt formen. Menschen betreiben Kriege. Das bedeutet, wir können sie auch wieder beenden. Wir können uns für Frieden entscheiden, wenn wir das wollen. Es ist unsere Entscheidung. Wir sind nicht gezwungen, Krieg zu führen. Wir können auch verhandeln und Kompromisse finden. Wir können mit unseren ganzen Zukunftsängsten auch so umgehen, dass wir sie sehen und annehmen – und dennoch, so der alte Spruch von Luther, ein Apfelbäumchen pflanzen.
Also Krieg ist kein schicksalshaftes Ereignis. Es sind Entscheidungen, die Regierende treffen. Regierende können sich ändern und genauso ihre Entscheidung. Das gilt für uns alle: Ich kann entscheiden, dass ich mein Geld beispielsweise nicht in Rüstungsunternehmen anlege. Ich kann mich dazu entschließen, mein Kind zu ermutigen, viele Fragen zu stellen und viele Konflikte zu leben. Ich kann mein Kind ermutigen, den Kriegsdienst zu verweigern und dafür andere Dinge zu tun. Das alles können wir. Es gibt keine Sachzwänge, die uns eine Entscheidung aufzwingen. Wir sind es, die sie treffen und genauso können wir unsere Entscheidungen verändern und das unseren Kindern beibringen.
Dazu fällt mir noch ein, dass viele Pädagog*innen denken, Teilhabe heiße Selbstbestimmung. Also wenn ein Kind zum Beispiel sein Essen oder Spielzeug selbst wählen kann, dann wäre das Teilhabe. Das ist es allerdings nicht. Das ist Selbstbestimmung. Natürlich ist es wichtig, dass wir Kinder selbstbestimmt erziehen. Doch Teilhabe orientiert sich am Gesamten, deswegen heißt es ja auch „Teilhabe“. Deshalb geht es hier auch darum, Kinder zu ermutigen und immer wieder herauszufordern, dass sie etwas für das Gesamte tun – und nicht nur selbstbestimmt konsumieren. Diese Auseinandersetzung rund um die Partizipation, wünsche ich mir von Erziehenden. Nämlich auch den Blick aufs Ganze zu entwickeln und die Kinder dahin zu erziehen, dass sie sich selbst als Teil des Gesamten verstehen. Dann wachsen Kinder heran, die sozial kompetent sind.
Sibylle Weiler: Dazu habe ich ein gutes, praktisches Beispiel: Ich habe in einem Hort gearbeitet, indem die Kinder nach dem Essen die Tische nur abgewischt haben, wenn sie dafür ein Gummibärchen bekommen haben. Es war total spannend, das zu verändern und zu sagen: „Wir essen hier gemeinsam und wir gehören zusammen. Und deshalb wischt jeden Tag jemand anderes den Tisch. Dann gehört es ganz selbstverständlich dazu.“ Das ist nur ein ganz kleines Beispiel, aber es zeigt, dass so etwas nicht belohnt werden muss, weil mein Beitrag ganz selbstverständlich dazu gehört.
Vielen Dank ihr beiden für das Gespräch und wir wünschen euch noch viel Erfolg für eure wichtige Arbeit!
Links zum Thema:
- Werkstatt-Treffen – Friedensbildung in der Kita: https://kita-global.de/friedensarbeit/
- Dossier zum Thema „Frieden“: https://kita-global.de/category/vielfalt-rechte/dossier-frieden/
- SDG-Challenge in der Kita zum Thema „Frieden“: https://kita-global.de/frieden-und-gerechtigkeit-sdg-challenge-12/
- Material-Tipp: „Frieden leben mit Kindern“: https://kita-global.de/frieden-leben-mit-kindern/


Hinterlassen Sie einen Kommentar