Für einen Konsens sprechen Menschen so lange miteinander, bis sie eine übereinstimmende Meinung zu einer bestimmten Frage gefunden haben. Dabei soll es keine verdeckten oder offenen Widersprüche geben. Einen Konsens zu erzielen ist nicht leicht. Die BNE-Referentin Francisca Gallegos und der BtE-Referent Felipe Duarte haben ein Konsensritual für Kinder entwickelt. Es dient dem Wohle aller Wesen der Erde. Dieser Beitrag liefert eine Anleitung und einen Erfahrungsbericht.
»Viele indigene Völker treffen ihre Entscheidungen per Konsens«, erklärt Francisca Gallegos im August 2026 beim Werkstatt-Treffen im Tagungshaus Lebensbogen nahe Kassel. Es gehöre zu ihren Stärken. Sie lernen von klein auf, auf die Worte und Gefühle der anderen zu hören, Geduld zu haben und das Wohlergehen der Gruppe im Blick zu behalten. So können sie Entscheidungen im Kreis treffen. Zudem können sie sich in die Gruppe integrieren und sich von ihr respektiert fühlen. Schließlich haben sie dadurch das Gefühl, dass die eigene Meinung zählt, so »seltsam« sie auch sein mag.
Indigene Prinzipien
Francisca Gallegos und Felipe Duarte ließen sich von verschiedenen anderen indigenen Traditionen Lateinamerikas inspirieren. Sie entwickelten gemeinsam ein Konsensritual für Kinder, bei dem auch die Wesen der Natur nicht außen vor blieben. Beim Werkstatt-Treffen von Kita-Global im August 2026 führten die beiden dieses Ritual mit den Teilnehmenden durch. Sie zeigten, wie sich Konsensbildung in vereinfachter Form auch mit Kita-Kindern durchführen lässt. Dadurch lehrten sie auch, wie wir Verantwortung und Verbundenheit mit allen Bewohnenden unseres Planeten leben können.
Das Ritual teilte sich in zwei Abschnitte, die wir in diesem Beitrag einzeln beschreiben. Wie in indigenen Kulturen (und auch beim Werkstatt-Treffen) üblich saßen wir alle in einem Kreis. Das ist die Form, die keinen Anfang und kein Ende kennt. In der es kein »Oben« und kein »Unten« gibt. Eine Form, in der sich alle Anwesenden gleich gut sehen können und niemand mehr Macht hat, als die anderen.
Die Vorbereitung auf den Prozess
Bevor es mit dem Konsensritual losging, bereiteten Francisca und Felipe alle Anwesenden erst einmal mental auf den Prozess vor. In den indigenen Kulturen Lateinamerikas sind Gedanken ebenso real und wirksam wie materielle Dinge. Ein »schlechter« Gedanke ist zum Beispiel Ausgangspunkt für Gewalt, Ausbeutung oder gar Zerstörung. Ein »guter« Gedanke kann der Beginn von Frieden und Verständigung sein. Deshalb »reinigten« wir alle unsere Gedanken zu Beginn mit einem Ritual, das Felipe anleitete.

Jede Person bekam einen kleinen Bausch Baumwolle. Während er im Kreis herumging und allen ein kleines Stück gab, erklärte er: In der indigenen Weltsicht ist alles Materielle in der Welt ein eigenständiges Wesen ist – Baumwolle, Feuer, ein Fluss, Bäume, Vögel – sie alle sind »Leute«. Francisca und er sprechen deshalb auch von »Baum-Leuten« oder »Fluss-Personen«. Sie zeigen damit an, dass es sich um Bewohner:innen unseres Planeten handelt – wie wir. Mit eigenen Rechten, einer eigenen Stimme, eigenen Bedürfnissen, Erfahrungen und Wissen sowie einem eigenen Recht auf Wertschätzung und Respekt. Auch »schlechte« Gedanken seien Leute, die in uns wohnten, meinte Felipe. Es sind also nicht die Menschen selbst, die schlecht sind – sondern manche der in ihnen wohnenden Gedanken.
Stille als aktiver Raum der Ordnung
»Das Leben auf unserem Planeten ist Chaos«, erklärte Felipe weiter. Und dieses Chaos erzeuge ein Ungleichgewicht. Rituale würden uns Menschen dabei helfen, in die ursprüngliche Ordnung zurückzukehren und die »schlechten« Gedanken in Dankbarkeit zu verabschieden. Doch dafür brauche es Stille – eine Stille, die Raum schaffe und Zeit gebe. Das Konsensritual bietet dafür eine Gelegenheit. Dabei ist die Stille hier nicht passiv, sondern ein Zustand der Konzentration. Um zu zeigen, was Felipe damit meinte, probierten wir es einfach aus:
Eine Person ließ sich die Augen verbinden. Alle anderen im Kreis saßen still da. Die Person mit den verbundenen Augen sollte dem Klang einer kleinen Glocke durch den stillen Raum folgen. Alle anderen wussten: jedes Geräusch würde es dieser Person erschweren, die Quelle des Klangs zu finden. Während die Person mit den verbundenen Augen vorsichtig durch den Raum tastete, saßen alle anderen mit angehaltenem Atem da. Gespannt verfolgten sie ihre Suche: eine Stille voller Konzentration und zielgerichteter Aufmerksamkeit. Nun wussten wir, wovon Felipe gesprochen hatte!
Gedankenwanderung
Als nächsten Schritt der Vorbereitung für das Konsensritual ließen wir unsere Gedanken wandern. Wir teilten das Baumwollstück in zwei Teile. Eines nahmen wir in die linke Hand und eines in die rechte Hand. Felipe stimmte einen mehrere Minuten dauernden Gesang an. Alle Teilnehmenden schlossen dabei die Augen und ließen ihre »schlechten« Gedanken in die Baumwolle der linken Hand wandern. Die »guten« Gedanken kamen in die Baumwolle der rechten Hand.
Nach dem Song formten alle ihre Baumwollbäusche zu kleinen Würstchen. Eine Person nach der anderen stand auf und legte sie schweigend auf jeweils eines der beiden Baumblätter, die in der Kreismitte lagen: eines für die »schlechten« und eines für die »guten« Gedanken.
Konsensritual – Teil 1
Nach dieser Vorbereitung ging es an den Konsensprozess. Um ihn zu vereinfachen, hatten Francisca und Felipe drei Tiere ausgewählt. Als Fotos auf Karten ausgedruckt, verteilten sie sie an jede Person:
- Eine Schnecke: Sie steht für »ich bin einverstanden, ich bin mir sicher«. Der Grund? Schnecken nur dann aus ihrem Häuschen kommen und ihre Fühler ausstrecken, wenn sie sich sicher fühlen. Diese Karte zieht eine Person, wenn sie für einen Vorschlag stimmt.
- Ein Chamäleon: Diese Karte steht für »ich bin mir nicht sicher. Ich weiß es nicht. Ich verstehe es (noch) nicht«. Diese Karte zieht eine Person, wenn sie unschlüssig ist, ob sie für oder gegen einen Vorschlag ist.
- Ein Igel: Das stachelige Tier steht für »ich bin dagegen. Das geht überhaupt nicht«. Diese Karte zieht eine Person, wenn sie mit einem Vorschlag überhaupt nicht einverstanden ist. Ihre Argumente sollten in eine weitere Version des Vorschlags aufgenommen werden.

Nun ordneten sich alle Teilnehmenden des Konsensrituals einer der vier folgenden Leute-Gruppen zu:
- Baum-Leute
- Wasser-Leute
- Berg-Leute
- Tier-Leute
Die Kleingruppen tauschten sich – im Kreis sitzend – darüber aus, welche Baum-, Wasser-, Berg- oder Tier-Person sie genau sein wollten. Dazu nutzten sie die Konsenskarten mit der Schnecke, dem Chamäleon und dem Igel. In manchen Gruppen einigten sich die Mitglieder schon nach der ersten Gesprächsrunde. Die Berg-Leute-Gruppe war sich zum Beispiel sofort einig, dass sie ein Berg in den Alpen sein wollte. Andere brauchten mehrere Runden, um einen Konsens zu finden.
Die Tier-Leute-Gruppe zum Beispiel einigte sich erst nach langem Hin und Her darauf, ein Schaf zu sein. So konnten wir alle über das Konsensritual spielerisch ausprobieren, inwiefern uns die drei Karten mit der Schnecke, dem Chamäleon und dem Igel sowie das Sprechen im Kreis dabei halfen, einen Konsens zu finden. Zum Abschluss des ersten Teils des Konsensrituals der Regenbogen-Karawane tauschten wir uns in den Leute-Gruppen zu der Frage aus:
Was brauchen »wir« als X-Leute? Was müssen die Menschen tun, damit wir uns als Baum-/Berg-/Wasser-/Tier-Person respektiert und wertgeschätzt fühlen?
In den Kleingruppen versuchten wir, die Perspektive der jeweiligen Leute einzunehmen und unsere Bedürfnisse als Schaf, Berg in den Alpen etc. zu formulieren.
Konsensritual – Teil 2
Der zweite Teil des Konsensrituals fand am Abend statt, wobei wir im Kreis rund um ein Feuer saßen. Pro Leute-Gruppe stand eine Person auf und stellte sich als Botschafter:in in einen engeren Kreis um das Feuer. Alle vier Botschafter:innen fassten die Antworten ihrer Gruppe auf die Frage nach den Bedürfnissen der verschiedenen Leute zusammen. »Das Feuer nimmt diese Botschaften auf und der Rauch trägt sie in die Welt, in die Köpfe und Herzen der Menschen«, erklärte uns Felipe.
Danach führten wir einen Begrüßungstanz der Maya durch, den Francisca Gallegos uns bereits beim Werkstatt-Treffen 2025 gezeigt hatte: Dabei stellen sich alle Teilnehmenden in einem inneren und äußeren Kreis in Paaren jeweils voreinander auf und bewegen sich im Kreis weiter, bis alle sich einmal begegnet sind. Dabei singen sie bei jeder Begegnung die Worte »In Lak’ech, Hala Ken«, was so viel bedeutet wie »Ich bin ein anderes Du, so wie Du ein anderes Ich bist«. Diese Worte besagen, dass es in Wahrheit keine Trennungen zwischen uns gibt, auch wenn es uns so vorkommt. »Menschen, Tiere, Pflanzen. Wir sind alle eins mit dem Universum. Und es ist an der Zeit, dass wir beginnen, es zu schützen«, meint Francisca Gallegos.

Zum Abschluss gab es einen Austausch per Redestab. Jede Person im Kreis konnte aufstehen, sich den Stab nehmen, ans Feuer stellen und ein Vorhaben nennen, das sie sich selbst aufgrund dessen geben wollte, was sie gerade von den Botschafter:innen gehört hatte. Zum Beispiel stand eine Teilnehmerin auf und sagte: »Mein Vorhaben ist, dass ich Wald-, Wasser- oder Berg-Personen begrüße und ehre, wenn ich sie betrete. Dass ich dankbar bin und ihnen die gleichen Rechte zugestehe wie mir selbst.«
Abschluss: Konsensritual für Kinder
Ursprüngliche Konsensrituale (oft »Visionskreis« genannt) dauern mehrere Stunden – oftmals die ganze Nacht, nämlich von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang, wie uns Felipe und Francisca abschließend erzählten. Auf diese Weise hatte etwa das indigene Volk der Mapuche ein »Friedensabkommen« mit allen »Leuten« der Erde geschlossen – und dieses in ihre Flagge eingewebt, die uns Francisca Gallegos ebenfalls zeigte.
Wir konnten uns nach den eben gemachten Erfahrungen ganz gut vorstellen, wie bewegend es sein musste, die individuellen Vorhaben und Abkommen beim Sonnenaufgang zu nennen und zu hören. Der Kultrun des Mapuche-Volkes ist ein jahrtausendealtes Symbol und zugleich ein Mondkalender; er markiert die sieben Richtungen – Nord-Süd, Ost-West, die Welt oben, die Welt unten und das Zentrum selbst, das den Einzelnen darstellt: »Er steht für die Einbeziehung von allem, was um mich herum existiert, als Teil von mir«, sagt Francisca Gallegos.
Man kann ihn als Friedensabkommen interpretieren, da der Einzelne seinen Platz in der Welt kennt und von dort aus die Harmonie schaffen kann, die er aufrechterhalten muss. Nach dem Konsensritual im Tagungshaus Lebensbogen würde Felipe Duarte noch die Baumwollteile mit den »negativen« Gedanken rituell in einem Stück Erde begraben. »Auch solche vermeintlich negativen Leute müssen wir mit Dankbarkeit und Liebe entlassen, wenn wir Frieden finden wollen«, erklärte er dazu.
Über die Referierenden
Francisca Gallegos Urquiza wurde in Chile geboren, wo sie sich als Aktivistin für den Schutz der Flüsse engagierte und ihr Weg des Respekts und des Kennenlernens der indigenen Völker Amerikas begann; sie ist Historikerin. Seit 15 Jahren engagiert sie sich in der Bewegung »Raices de la Tierra«, in der sich jedes Jahr ältere Menschen mit alten Traditionen versammeln, um für Mutter Erde und ihre Kinder zu beten.
Felipe Duarte ist ein in Berlin ansässiger Kulturkünstler und Aktivist, der sich der sozialen Transformation und der Anerkennung der Natur als lebendiges Wesen widmet. Als Träger indigenen Wissens arbeitet er mit dem Volk der Ik (Arhuaco) in der Sierra Nevada Kolumbiens zusammen, speziell im Territorium Atyarumake. Seine Lehren beziehen sich auf die Ältesten dieser Region sowie auf die angestammten Traditionen seiner Heimat, Cundinamarca und Boyacá. Beide bewahren die lebendige Weisheit des Volkes der Muisca. Durch Klang, Ritual, Naturwanderungen und zeitgenössische Kulturplattformen teilt Felipe dieses Wissen im Dienste des Kabunkwawichi (der »neuen Menschen«). Dieses Konzept sieht einen erneuerten Lebensstil in Harmonie mit der Erde voraus, indem Menschen die tiefe Verbindung zwischen sich und ihrem Territorium neu erlernen. Als Dozent, Workshop-Leiter und Kulturpädagoge führt Felipe diese Ansätze in Schulen, Kindergärten, Gemeinschaften und Festivals durch. www.sonidosur.com


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