Karl-Heinz Bittl erklärt das ATCC-Modell beim Werkstatt-Treffen 2026 im Tagungshaus Lebensbogen nahe Kassel

Konfliktbearbeitung: Das ATCC-Modell in der Kita

Konflikte in der Kita sind (wie im Leben) vollkommen normal. Überall, wo Menschen aufeinander treffen, gibt es sie. Eltern und Pädagog:innen haben daher nicht die Aufgabe, Konflikte zu vermeiden oder Kinder von ihnen fernzuhalten. Sie sollten Kinder vielmehr dabei unterstützen zu lernen, wie sie am besten mit Konflikten umgehen können. Doch längst nicht alle Erziehenden sind in der Konfliktbearbeitung geschult und versiert. Dieser Beitrag gibt einen Überblick, wie sich das ATCC-Modell in der Kita für umfassende Konfliktberatung nutzen lässt. Mit Reflexionsfragen für die Praxis.

Konflikte sind gut!

Viele Mitarbeitende in Kitas wollen, dass sich alle wohlfühlen. Daran ist auch gar nichts schlecht. Doch dadurch geschieht es gar nicht so selten, dass Konflikte ignoriert und unterdrückt werden. Sie erscheinen als etwas Negatives, was vermieden, gelöst und beendet werden sollte. Karl-Heinz Bittl, Mitgründer des Fränkischen Bildungswerks für Friedensarbeit e.V. und Friedenspädagoge, sieht das anders. Aus seiner Sicht sind Konflikte meist zwar anstrengend und unbequem – aber sie sind etwas Gutes!

Warum? Weil uns jeder Konflikt dazu bringt, uns selbst und die anderen Menschen genauer zu betrachten und Neues zu lernen. Um einem Konflikt konstruktiv zu begegnen, müssen wir zum einen mitteilen können, was uns selbst eigentlich genau wichtig ist. Und wir müssen zumindest verstehen (wenn auch nicht gut heißen), was unserem Gegenüber warum wichtig ist.

Mit anderen Worten: wir müssen die Situation verstehen, verschiedene Perspektiven einnehmen und vielleicht auch unsere Ansichten verändern – also dazulernen. Das bedeutet auch, so Bittl, dass wir uns mit jedem Konflikt ein bisschen verändern. Im besten Falle wachsen wir und unsere Verbindung zum Gegenüber verbessert und vertieft sich (wir verstehen die andere Person ja nun besser).

Konflikte verstehen mit dem ATCC-Modell in der Kita

Doch Konflikte sind meist komplexe soziale Situationen/Systeme. Mehrere Ebenen spielen eine Rolle und es ist meist gar nicht so einfach und offensichtlich, die eigentlichen Ursachen für einen Konflikt klar zu benennen. Aus diesem Grund hat Karl-Heinz Bittl zusammen dem Friedenspädagogen Hervé Ott, der Konfliktberaterin Karen Johne und vielen anderen den ATCC-Ansatz (Approche et transformation constructives des conflits) für umfassende Konfliktbearbeitung entwickelt.

Das ATCC-Modell will Menschen dabei helfen, Konflikte rechtzeitig wahrzunehmen (bevor sich Fronten verhärten). Das gilt auch für den Einsatz des ATCC-Modells in der Kita. Es hilft, konstruktiv mit Konflikten umzugehen und sie als eine Möglichkeit der Verständigung, der Beziehungspflege und gemeinsamen Regelungen so zu gestalten, dass ein tragfähigeres Zusammenleben möglich ist. Drei Leitideen des ATCC-Modells sind:

  • Konflikt-Themen früh erkennen
  • Konflikte konstruktiv bearbeiten
  • Konflikte transformieren

Die sechs Ebenen des Konflikts

Das ATCC-Modell arbeitet dabei mit sechs Aspekten, die in einem Hexagon angeordnet sind, das Bittl auch den »Konfliktdiamant« nennt:

Das Hexagon zeigt, dass ein Konflikt immer aus einem systemischen Zusammenspiel von verschiedenen Ebenen besteht. Es hilft zu erkennen, auf welcher Ebene oder bei welchem Aspekt es bei einem zu bearbeitenden Konflikt hakt – also wodurch eine Eskalation oder auch ein Wandel möglich ist. Die sechs Aspekte beschreibt Karl-Heinz Bittl folgendermaßen:

  1. Person: Beteiligte eines Konflikts mit ihren Emotionen, Bedürfnissen, Wahrnehmungen, Rollen und Betroffenheit.
  2. Recht/Regeln: Formale und informelle Regeln, wie Zuständigkeiten, Grenzen — also „was gilt“.
  3. Struktur (Rollen): Rahmenbedingungen, wie Macht- und Ressourcenverteilung, Zugehörigkeit, Rollen, Raum, Zeit, Güter, organisatorische Abläufe, Möglichkeiten und Blockaden.
  4. Rituale: Wiederkehrende Handlungsformen im Umgang miteinander, wie Begrüßungs-, Essens-, Rede- oder Versöhnungsrituale.
  5. Kultur: Geteilte Deutungen, Denk- und Erwartungsmuster. Etwa: „wie wir hier Konflikte sehen – nämlich als etwas Positives.“ Unterschiedliche Kulturen können ein Grund für Konflikte sein.
  6. Werte: Werte sind dazu da, um Orientierung zu geben, Sinnfragen zu beantworten und moralische Leitlinien zu geben: Was ist wichtig und legitim? Was nicht?

Zu jedem der sechs Aspekte oder Ebenen für den Einsatz des ATCC-Modells in der Kita gibt es im Folgenden eine genauere Betrachtung.

1. Person

Jede an einem Konflikt beteiligte Person bringt ihre eigene Biografie, ihre Muster, Bedürfnisse, Emotionen, Kultur, Werte, Rollen (Aufgaben/Aufträge) und Vorlieben mit. Diese immer wieder auszuhandeln ist Aufgabe eines Konfliktes. Denn zwischen zwei Personen liegt immer eine Grenze, wie die Abbildung unten zeigt. Wenn beide Seiten die Grenzen des anderen kennen und respektieren, gibt es ein wohltuendes Miteinander. Gewalt entsteht, wenn eine der beiden (oder beide) die Grenze unerlaubt überschreiten. Das kann beispielsweise bereits geschehen, wenn eine Person einer anderen direkt in die Augen schaut – zum Beispiel, wenn diese Person aus einem Kulturkreis kommt, in der dies unhöflich und übergriffig ist. So können selbst gut gemeinte Handlungen einen Konflikt darstellen. Etwa, wenn eine Person eine andere ungefragt in den Arm nimmt, um sie zu trösten, diese das aber gar nicht möchte.

Besonders leicht überschreiten Menschen ungefragt die Grenzen anderer und üben damit Gewalt aus, wenn sie einen Auftrag haben (und es »gut« meinen). Ein extremes Beispiel dafür liefert das Milgram-Experiment. Menschen, die an einem Forschungsprojekt teilnahmen, bekamen von den leitenden Wissenschaftler:innen den Auftrag, ihre »Schüler:innen« bei falschen Antworten mit einem stets steigenden Stromschlag zu züchtigen. Viele der Teilnehmenden führten diese Anweisung aus – obwohl sie deutlich hören konnten, dass sie Schmerzen bis hin zum vermeintlichen Tod verursachten (die Personen auf der anderen Seite waren jedoch Schauspieler:innen, die die Schmerzen nur simulierten).


Tipp für die Kita-Praxis

Im Kita-Alltag kommt so etwas Extremes wie beim Milgram-Experiment natürlich nicht vor. Dennoch laden wir dich ein, den alltäglichen Streit stärker zu würdigen und dich darauf einzulassen. Bedanke dich am Ende eines Streites doch einmal, dass alle ihre Bedürfnisse angesprochen haben. Ermutige Kinder, sich zu streiten, damit sie lernen, wie sie ihre Bedürfnisse klären können usw.


2. Recht & Regeln

Wichtig für die Konfliktbearbeitung in der Kita ist nach Karl-Heinz Bittls Erfahrung, dass Regeln nicht mit Zielen verwechselt werden. Der Unterschied ist wichtig, denn wenn ein Kind Ziele nicht erreicht, sollte es auf keinen Fall Sanktionen dafür erleiden. »Das Erreichen von Zielen ist pädagogisches Handeln. Es braucht die Gefühle von Freude beim Erreichen und die Enttäuschung beim Scheitern«, so Bittl – aber: »Wer Kinder für erreichte oder nicht erreichte Ziele belohnt oder bestraft, sorgt für Unterwerfung.« Anders ist das bei Regeln, die auf gemeinsamen Werten beruhen. Wird gegen Regeln verstoßen, können die drei Schritte der Konfliktbearbeitung »Einsicht«, »Konsequenz« und »Wiedergutmachung« eine Rolle spielen. Ein Beispiel zeigt, was gemeint ist:

Beispiel aus der Kita-Praxis: Nehmen wir an, wir haben in der Kita das Ziel »Wir alle sorgen füreinander«. Die Werte, die dem zugrunde liegen, sind Solidarität und Treue. Die pädagogische Aufgabe ist es dann, den Weg aufzuzeigen, wie dieses gemeinsame Sorgen gelingen kann. So können sich alle in der Kita gegenseitig helfen. Spielsachen werden gemeinsam aufgeräumt oder beim Tischdecken helfen alle mit. »Der Ausdruck für diese Hilfe ist der Dank und die Freude über das gemeinsame Handeln«, sagt Bittl. Sollte daraus eine Regel entstehen, weil sich die Kinder eine gerechte Verteilung der Aufgaben wünschen, könnte diese lauten: »Jedes Kind macht eine Gemeinschaftsaufgabe pro Tag«.

Wird diese Regel missachtet, so ist es wichtig, dass das Kind versteht, wieso die Regel bedeutsam ist (Einsicht). Gleichzeitig kann eine Konsequenz sein, sich zu fragen, warum diese Regel missachtet wurde: Warum funktioniert sie nicht? Was war missverständlich? Oder brauchen wir eine andere Regel? Oder, dass ein Kind, das sich vor seiner Aufgabe gedrückt hat, am folgenden Tag zwei Gemeinschaftsaufgaben übernimmt. Kommt jemand zu Schaden, braucht es darüber hinaus eine Wiedergutmachung.


Tipps für die Kita-Praxis

Welche Regeln gibt es in deiner Kita? Auf welchen Werten basieren sie? Welche Ziele verfolgen sie? Was geschieht, wenn die Regeln verletzt werden? Wer kann in der Kita wie einschreiten, wenn Regeln verletzt werden? Ist den Kindern klar, was sie tun können, um das Einhalten von Regeln einzufordern? Sind die Regeln für alle sichtbar – für die Kinder in Form von Bildern oder Symbolen?


3. Struktur

Der Aspekt der Struktur unterteilt sich im ATCC-Modell nochmals in sechs verschiedene Ebenen. Sie sind in der folgenden Abbildung zu sehen. Gemeinsame Strukturen bestimmen, wie Raum (von individuell-körperlichem Raum bis hin zu Ländergrenzen), Zeit, Güter, Rollen, Macht und Zugehörigkeit verteilt bzw. gehandhabt werden. Für die Konfliktbearbeitung mit dem ATCC-Modell in der Kita kommt laut Karl-Heinz Bittl der Ebene der Rollen eine besondere Bedeutung zu.

Dabei ist es wichtig, dass sich Erziehende beider Rollen-Ebenen bewusst sind:

1. Die formelle Rolle ist an Strukturen gebunden. Sie besagt, welche Entscheidungen, Aufgaben, Verantwortlichkeiten etc. eine Person hat.

2. Die nichtformelle Rolle entsteht durch Beziehungen, Vertrauen, Kompetenz, Status und informelle Macht.

Erziehende müssen sich beider Ebenen bewusst sein, um Konflikte gut bearbeiten zu können. Karl-Heinz Bittl erlebt in seiner Praxis oft, dass Pädagog:innen in Konfliktsituationen eine »professionelle« Distanz wahren. Es sei aber wichtig, dass sie auch die informelle Ebene zulassen. Wenn zum Beispiel ihre Grenzen als Mensch übergangen worden sind, sollten sie den Kindern durchaus zeigen, dass sie als Mensch traurig, wütend oder frustriert sind. »Kinder sollten lernen, dass alle Menschen Bedürfnisse und Grenzen haben«, so Bittl.

Wichtig für die Konfliktaustragung ist, dass sich Pädagog:innen nicht in einer der drei Rollen des sogenannten Drama-Dreiecks begeben – also nicht als Täter, Opfer oder Retter auftreten. »Dann können Erwachsene mit den Kindern klären, um was es in dem Streit eigentlich geht und ob die Unterstützung der Erwachsenen sinnvoll ist. In vielen Fällen gehen Erziehende aber als Rettende in einen Konflikt. Das führt nur dazu, dass am Ende alle sauer aufeinander sind«, sagt Bittl.


Tipps für die Kita-Praxis

Denke an einen Konflikt aus der jüngsten Vergangenheit. Weißt du, welche formellen und nichtformellen Rollen du dabei hattest? Wie schnell warst du in der Rolle des Rettenden und hast Dinge getan, die den Kindern nicht gut taten? Welche Rolle hatte dein Gegenüber? Wie gut konntest du auf der nichtformellen Ebene kommunizieren – also auf der Beziehungsebene? Und wie gut bist du auf der formellen Ebene, also bei der Einhaltung von Verfahren, Verantwortlichkeiten und klaren Entscheidungen?


4. Rituale

Rituale geben Menschen in Gemeinschaften und Gesellschaften Sicherheit und Orientierung. Sie sind zum Beispiel ein Signal dafür, dass etwas beginnt oder endet. Rituale sind oftmals auch dazu da, um den Umgang mit Krisen festzulegen (»Wie gehen wir mit Konflikten um?«). »Im Krieg gibt es zum Beispiel sehr viele Rituale«, meint Karl-Heinz Bittl. Sie markieren hier zum Beispiel Zugehörigkeit und Ausschluss. Auch formale Kriegserklärungen oder Friedensabschlüsse folgen oftmals Ritualen. Nach schmerzhaften Auseinandersetzungen können Versöhnungsrituale eine bedeutsame Rolle spielen. Daher spielen sie im Konfliktdiamanten auch eine Rolle und sind relevant, wenn man das ATCC-Modell in der Kita einsetzt.

Ein prägnantes Beispiel dafür war die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission, die die politisch motivierten Verbrechen während des Apartheidsregimes untersuchte. »Die formellen Strukturen, Schritte und Regeln von Ritualen können Menschen dabei helfen, die nichtformellen Schritte zu gehen, die für eine echte Versöhnung notwendig sind«, erklärt Karl-Heinz Bittl. Entscheidend ist jedoch auch hier, beide Aspekte zu sehen: Nur weil zum Beispiel ein Versöhnungsritual durchgeführt wurde, heißt das noch lange nicht, dass Versöhnung auch tatsächlich emotional bei einzelnen Personen schon möglich ist.


Tipps für die Kita-Praxis

Welche Rituale rund um die Konfliktbearbeitung gibt es in deiner Kita? Was sind unsere Regeln, Schritte und Strukturen gibt es, um Konflikte zu erkennen, zu analysieren und zu besprechen? Und gibt es Rituale der Versöhnung? Kennen die Erziehenden, die Eltern und die Kinder diese?


5. Kultur

Der Begriff der Kultur ist im ATCC-Modell nicht national zu sehen. Sie ist eine Legitimationseinrichtung, die deutlich macht, wer zu welcher Gruppe gehört. »Deswegen ist es sehr wichtig kultursensibel zu sein. Das bedeutet, Unterschiede anzusprechen und nicht abzuwehren«, so Bittl. Konflikte, die durch Kulturunterschiede entstehen, können nach dem ATCC-Modell in der Kita in drei Schritten erfolgen, die zugleich auch eine Eskalation darstellen:

  1. Überraschung: Das ist der Moment, in dem sich eine andere Person nicht so verhält, wie ich es erwarte. Vielleicht grüße ich freundlich und frage, wie es geht – doch von der anderen Person kommt nur schlecht gelauntes »Gejammer«. Dies ist die Gelegenheit zu bemerken, dass ich nicht wie selbstverständlich davon ausgehen kann, dass jede Person eine Situation so interpretiert wie ich. Anstatt zu urteilen, kann ich auch einfach nur wahrnehmen, dass es anscheinend unterschiedliche Vorstellungen gibt, wie sich Menschen in dieser Situation verhalten »sollten«. Dann ist es wichtig, diese Wahrnehmung anzusprechen. Das erfordert Übung, damit daraus keine Abwertung entsteht. Wenn jemand etwa klagt, ohne zu grüßen, kann ich nachfragen: »Ich habe gehört, dass es dir nicht so gut geht, willst du hören, wie es mir geht?« Vielleicht komme ich aus einer Kultur, in der es unhöflich ist, sich zu beklagen. Mein Gegenüber nimmt das aber ganz anders wahr. Den Moment der Überraschung verpassen wir laut Bittl leider oft und gehen gleich zum nächsten Schritt über – der Kränkung.
  2. Kränkung: Wenn ich ein Urteil fälle, kann Kränkung entstehen. Zum Beispiel könnte ich in der oben genannten Situation zu dem Urteil kommen, dass mich die andere Person nicht leiden kann oder mir schaden möchte, indem sie meine gute Stimmung vermiest. Ein Konflikt nimmt damit destruktive Fahrt auf.
  3. Zorn, Wut, Hass: Wenn ich von der Überraschung zur Kränkung übergehe, entstehen »negative« Gefühle wie Wut, Hass oder Zorn. Ein Konflikt eskaliert …

Tipps für die Kita-Praxis

Achte einmal auf Augenblicke der Überraschung und versuche, deine schnellen Urteilsmuster zu entdecken, indem du sie ansprichst. Wenn es zu einer Kränkung kommt, kannst du dir Unterstützung holen, um diese anzusprechen. Zur Reflexion kannst du dich fragen: Kannst du selbst erkennen, wann du welche Urteile fällst? Welche emotionale Reaktion folgt bei dir darauf? Würde es passen, die Personen auf ihre wahren Motive für ihr Verhalten hin anzusprechen? Wenn ja, welche Erkenntnisse hast du aus dem Gespräch gewonnen?


6. Werte

Werte sind Leitvorstellungen, also das, was uns allen wichtig ist und woran sich die Menschen in ihrem Handeln orientieren. Das ist eine recht schwammige Definition und nicht immer ist in der Praxis klar, was eigentlich Werte sind und was nicht. Karl-Heinz Bittl hat daher zusammen mit seinen Kolleg:innen aus dem deutschen Grundgesetz eine Reihe von Werten extrahiert, die als Basis für das ATCC-Modell dienen. Sie sind auf dem Foto unten in weißer, fetter Schrift zu sehen.

Demgegenüber hat Bittl den jeweiligen Unwert gestellt. Zur »Wahrheit« zum Beispiel die »Lüge«. Zum Wert »Solidarität« gehört die »Ausbeutung«. Zur »Würde« die »Erniedrigung«. Darüber hinaus enthalten die Karten auch noch das dazugehörende Ideal. Das Ideal des Wertes »Wahrheit« ist die »Transparenz«. Das der »Solidarität« die »Selbstaufgabe«. Die »Würde« hat laut Bittl das Ideal der »Huldigung«. Dabei warnt Karl-Heinz Bittl: »Ideale sind wie schwarze Löcher. Sie sind ungeheuer anziehend und sehr reduziert. Daher sind sie sehr gefährlich, denn sie schließen aus und zerstören.«

Für die umfassende Konfliktbearbeitung ist es nach Bittl wichtig zu berücksichtigen, dass Ideale immer andere Werte reduzieren bzw. einschränken. Die totale Transparenz reduziert zum Beispiel den Wert »Freiheit«. Das Ideal der »Selbstaufgabe« steht der »Würde« im Weg. Werte sind daher immer nur Leitsterne, die uns die Richtung vorgeben – die wir aber nie vollständig erreichen. Auf diese Weise bringen uns Werte immer in Kontakt mit unserem Scheitern. Das sei das Dilemma der Werte, meint Bittl. »In der Erziehung von Kindern spielen diese Dilemmata eine zentrale Rolle, da sie die Gewissensbildung fördern«, so Bittl. Um diese Dilemmata herum gibt es immer wieder Konflikte. Der Ausruf eines Kindes »Das ist ungerecht!« bedeutet beispielsweise, dass ich als Erziehende:r deutlich machen muss, dass Gerechtigkeit nicht immer Gleichbehandlung bedeutet.


Tipps für die Kita-Praxis

Welche Werte sind in deiner Kita wichtig? Dazu liefert das ATCC-Modell in der Kita Hinweise und Tipps. Um genau die Werte zu erarbeiten, die für deine Kita passen, kannst du dir den Bericht des Werkstatt-Treffens 2024 in Witzenhausen ansehen. Vielleicht findest du einige Inspirationen für die Werte-Arbeit in deiner Kita in der Beschreibung. Dort sind auch Schritt-für-Schritt-Anleitungen für Werteprozesse zu finden: https://kita-global.de/werte-leben-in-der-kita-ein-bericht/


Fazit: ATCC-ModelATCC in der Kita – umfassende Konfliktbearbeitung

»Wer Konflikte lösen will, muss zunächst die Komplexität erhöhen«, sagt Karl-Heinz Bittl und bezieht sich damit auf eine Aussage des Friedensforschers Johan Galtung, der sagte: »Je höher die Komplexität eines Konfliktes gesehen wird, desto mehr Möglichkeiten der Bearbeitung habe ich.« Wer sich das ATCC-Modell mit seinen sechs Ebenen (und zahlreichen Unterebenen) ansieht, versteht, was damit gemeint ist.

Der »Konfliktdiamant« gibt uns zahlreiche Ansatzpunkte an die Hand, um Konflikte genauer zu analysieren, zu verstehen und zu bearbeiten. Natürlich ist das für Kinder im Kita-Alter zu komplex, um dies im Ganzen zu verstehen. Doch Pädagog:innen im Elementarbereich können durch die vielen Perspektiven bereichert werden, die der Konfliktdiamant liefert. Es lohnt sich, sich mit dem ATCC-Modell in der Kita auseinanderzusetzen und neue Aspekte der Konfliktbearbeitung zu erlernen.


Linktipps

Weitere Infos zum ATCC-Modell von Karl-Heinz Bittl findest du unter: