Die Friedensbildung in der Kita lässt sich mit Kindern spielend lernen! Denn über das Spielen lernen wir – ein Leben lang. Wie und warum das die Konfliktfähigkeit von Menschen fördert und damit zur Friedensbildung in der Kita beiträgt, das zeigt dieser Beitrag mit Tipps des Friedenspädagogen Karl-Heinz Bittl. Dazu gibt es Anleitungen für vier lehrreiche Spiele aus aller Welt.
Spielen ist für Menschen – insbesondere für Kinder – das ideale Lernfeld für ihre sozialen Fähigkeiten. Nähe und Abstand. Flucht und Angriff. Risiko und Sicherheit. Mut beweisen und mit Ängsten klarkommen. Sich über einen Sieg freuen und mit einer Niederlage umgehen. All das lernen wir, wenn wir miteinander spielen. Für den konstruktiven Umgang mit Konflikten – und damit für die Friedensbildung in der Kita – sind Spiele damit bedeutsame Lernräume. Lernräume, die Pädagog:innen im Elementarbereich selbst gut kennen sollten, damit sie sie bewusst öffnen können und den Kindern (und sich selbst) somit einen Ort zum Wachsen geben können.
Konfliktfähigkeit spielend lernen
Menschen können dann gut mit Konfliktsituationen umgehen – und damit tragfähige Gemeinschaften bilden –, wenn sie Konflikten zum einen nicht ausweichen (also in gewissem Umfang konfliktfreudig sind). Und zum anderen, wenn sie gut mit Konflikten umgehen können. Beides wird gefördert, wenn Menschen allen Alters, aber besonders die jungen, miteinander spielen (nur am Rande sei bemerkt, dass sich dies über Computerspiele nicht simulieren lässt).
Denn nahezu alle Spiele bedienen die vier psychologischen Grundmuster, die in uns Menschen angelegt sind, um mit riskanten, gefährlichen Situationen umzugehen, zu denen auch Konflikte gehören: Kampf, Flucht, Anpassung und Erstarrung.
Die vier psychologischen Grundmuster
Für die Friedensbildung in der Kita und die Konfliktfähigkeit von Menschen ist es entscheidend, diese psychologischen Grundmuster bei sich und anderen erkennen und sinnvoll damit umgehen zu können. Denn zunächst zeigen uns die vier Muster überhaupt erst einmal, dass eine unserer persönlichen Grenzen überschritten wurden und wir uns daher gerade in einer Konfliktsituation befinden. Der Friedenspädagoge Karl-Heinz Bittl und die Friedenspädagogin Sibylle Weiler vom Fränkischen Bildungswerk für Friedensarbeit e.V. (https://conflict-transformation.de) haben zusammen ein Kartenset mit Spielen aus aller Welt zusammen gestellt. Im dazugehörigen Begleitheft finden sich auch Hintergrundinformationen, wie zum Beispiel zu den vier Emotionen:
- Kampf: Vielleicht empfinde ich die Furcht, von einer anderen Person abgelehnt zu werden. Wenn ich in den Kampf-Modus falle, dann greife ich sie vielleicht vorher an, um nicht selbst diese gefürchtete Erfahrung zu machen. Im Kampf geht es um Sieg und Niederlage. Meist endet dies in einer Lose-Lose-Situation.
- Flucht: Oder ich flüchte mich vielleicht in belanglose Gespräche über unwesentliche Dinge. So kommt es nicht zu der gefürchteten Situation einer Ablehnung – doch Annahme, Wertschätzung oder vielleicht sogar Liebe bekomme ich so auch nicht.
- Anpassung: Ich tue und sage Dinge, von denen ich weiß, dass mein Gegenüber sie gut findet. So erhalte ich vielleicht eine Form von Anerkennung. Aber sie gilt nicht wirklich mir, sondern dem Bild von mir, das ich für die andere Person erzeuge.
- Erstarrung: Dieses Muster kommt bei überwältigenden Situationen zum Tragen. Ich ziehe mich zurück und empfinde weder für mich noch für die andere Person etwas. Ich schirme mich selbst von meinen Emotionen und Bedürfnissen ab.
Karl-Heinz Bittl sagt dazu: »Muster sind Schutzeinrichtungen unserer Psyche. Sie schützen uns vor etwas Schwierigem oder Unbehaglichem – wie etwa Konflikten. Menschen wählen Muster nicht bewusst. Sie sind biologisch, aber wahrnehmbar. Wenn ich mich zum zehnten Mal für das gleiche Verhalten rechtfertige, kann nachforschen was mein dahinter liegendes Muster ist, welches Bedürfnis dieses Muster schützt und wie ich es anders erfüllen kann.«
Nicht immer fällt es allen Menschen leicht anzuerkennen, dass sie sich gerade in einem Konflikt befinden. Viele Menschen tun lieber so, als wäre nichts. Um einen offenen Austausch über einen Konflikt zu vermeiden, stecken sie lieber in einem der Muster fest: sie kämpfen (um ganz andere Dinge), sie erstarren, sie passen sich an oder fliehen. Doch das geht nicht lange gut. »Die Muster sind zwar Schutzeinrichtungen, können sich aber auch gegen einen selbst wenden«, erklärt Karl-Heinz Bittl. »Aus chronischen Muster können sich dann auch körperliche Symptome entwickeln. Wer mit Kindern arbeitet hat das Glück, dass sie Erwachsene auf ihre Muster hinweisen. Wer sich dessen bewusst ist, kann mit Kindern einen gelingenden Umgang damit finden.«
Im Spiel Alternativen ausprobieren
Spiele ermöglichen es uns nun, alternative Verhaltensweisen auszuprobieren, ohne ein allzu großes Risiko einzugehen – denn in Spielen sind einerseits manche Verhaltensweisen »erlaubt«, die sonst tabu sind. Andererseits sind Spiele zeitlich befristet und haben klare Regeln. Danach geht das Leben wieder »normal« weiter. Vielleicht kann ich hier einmal ausprobieren, wie es ist, forsch zu kämpfen – etwa, indem ich jemand anderen jage. Oder vielleicht erkunde ich mal die Rolle einer Person, die flieht – etwa, indem ich gejagt werde. Je öfter Menschen in Spielen neue Verhaltensweisen erkunden können, desto weniger ängstlich sind sie im realen Leben, wenn sie mit konfliktreichen Situationen konfrontiert sind. Je weniger sie spielen, desto ängstlicher und unsicherer werden Menschen.
Spiele aus aller Welt
Im folgenden beschreiben wir viel Spiele aus der Sammlung »Spiele aus aller Welt« von Sibylle Weiler und Karl-Heinz Bittl vom Fränkischen Bildungswerk für Friedensarbeit e.V., die auf unterschiedliche Erfahrungen eingehen, die im Erlernen von Konfliktfähigkeit – und damit für die Friedensbildung in der Kita – von Bedeutung sind. Selbst erkundet und erlebt hat sie eine Gruppe von Pädagog:innen und Multiplikator:innen während des Werkstatt-Treffens 2026 im Tagungshaus Lebensbogen nahe Kassel. Wir laden Sie ein, diese Spiele ganz bewusst in ihrer Kita mit jungen und erwachsenen Menschen zu spielen und zu reflektieren.
»Spiele haben vier wesentliche Komponenten: den Zufall, das Schauspiel, den Taumel und den Wettbewerb. Sie schaffen einen Bezug zu existentiellen Themen unseres Lebens, wie Zugehörigkeit oder Ausschluss«, Karl-Heinz Bittl
Spiel 1: Schlangenstupsen
Alle Kinder stellen sich hintereinander in zwei (oder mehr) gleichlange Schlangenreihen. Das Kind ganz hinten in der Schlange stupst das Kind vor sich leicht an. Dieses gibt den Stupser an das Kind vor ihm weiter und so fort – bis das Kind ganz vorne in der Schlange einen Stupser erhält. Sobald es diesen spürt, läuft es so schnell wie möglich ans Ende der Schlange und schickt von dort einen neuen Stupser los. Sobald das Kind, das beim Start am Kopf der Schlange stand, wieder dort angekommen ist, ruft es laut »Schlange«. Die Schlange, die als erstes durch diesen Durchlauf gekommen ist, hat gewonnen.
Pädagogischer Impuls für die Friedenspädagogik in der Kita: Ein kleiner Impuls kann sich weit ausbreiten und große Auswirkungen auf das gesamte System haben. Das eigene Handeln hat Wirksamkeit! Jede kleinste Handlung zählt! Dieses Spiel ist ein Wettkampf von mehreren Gruppen. Meist wird dabei ziemlich geschummelt. Karl-Heinz Bittl erklärt: »Kinder lernen, dass sie gewinnen können und verlieren. Sie lernen jedoch auch, dass es wichtig ist, die Regeln zu beachten. Deswegen ist es hier sehr gut, wenn die Erziehenden mitspielen und die Regeln immer wieder einfordern. Gelernt wird zu gewinnen oder zu verlieren und sich an Regeln halten.«
Herkunft: Ungarn | Anzahl der Spielenden : 10 | Alter: ab 5 Jahren
Spiel 2: Morro
Jeweils zwei Kinder stellen oder setzen sich gegenüber voneinander. Sie halten eine Hand hinter ihrem Rücken und die andere Hand als Faust vor ihrem Körper. Auf ein Kommando rufen sie eine Zahl und strecken gleichzeitig mit der vorderen Hand eine bestimmte Anzahl von Fingern aus. Zum Beispiel ruft ein Kind »10« und streckt fünf Finger aus. Das Ziel ist, dass es die Zahl sagt, die von beiden Kindern mit den Fingern angezeigt wird, wenn alle Finger zusammengezählt werden. Wenn das Kind vor ihm auch fünf Finger ausgestreckt hat, hat es gewonnen und erhält einen Punkt. Hat das Kind vor ihm »fünf« gerufen und keinen Finger ausgestreckt, hat es gewonnen. Hat keines der beiden Kinder die richtige Zahl genannt, gewinnt keines von beiden.
Pädagogischer Impuls für die Friedenspädagogik in der Kita: »In diesem Spiel geht es nur vordergründig um Gewinnen«, erklärt Karl-Heinz Bittl. »Vielmehr geht es darum, sich auf den Anderen einzulassen und – im mimetischen Sinn – mit Überraschungen umzugehen. Der Spannungsbogen in dem Spiel entsteht dadurch, dass beide auf das Verbindende achten.«
Herkunft: Italien | Anzahl der Spielenden : 2 | Alter: ab 5 Jahren
Spiel 3: Eseltreiber
Alle stellen sich im Kreis auf, halten sich an den ausgestreckten Händen und grätschen die Beine, sodass ein Kind darunter hindurch gleiten kann. Zwei Kinder stehen außerhalb des Kreises. Eines davon ist der Esel und das andere der Eseltreiber. Der Eseltreiber muss den Esel fangen. Der Esel wiederum versucht, durch die Beine eines Kinder in den Kreis (den Eselstall) zu kommen. Hier ist er sicher. Das Kind durch dessen Beine der Esel geflohen ist, wird jetzt zum Eseltreiber. Der alte Eseltreiber wird zum Esel.
Pädagogischer Impuls für die Friedenspädagogik in der Kita: Kinder können spielerisch ausprobieren, wie es ist, auf der Flucht zu sein – oder jemanden zu jagen. Sie machen die Erfahrung, wie es sich anfühlt, geschützt »dazu zu gehören« und im Kreis zu stehen. Oder wie es ist, wenn man außerhalb des Kreises, alleine und ausgeschlossen ist.
Herkunft: Marokko | Anzahl der Spielenden : ab 10 | Alter: ab 4 Jahren
Spiel 4: Farbrufer:in
Alle Kinder laufen kreuz und quer durch den Raum. Ein Kind übernimmt die Rolle des »Farbrufers«. Es steht mit dem Rücken zu den anderen, kann sie also nicht sehe. Irgendwann ruft es eine Farbe – zum Beispiel »Rot«, »Blau« oder »Gelb« usw. Nun suchen alle Kinder schnell nach der genannten Farbe auf ihrer Kleidung und halten sie fest, damit das farbrufende Kind sie sehen kann. Alle Kinder, die die genannte Farbe nicht auf seiner Kleidung haben, müssen nun wegzulaufen, denn das farbrufende Kind versucht sie zu fangen. Wer gefangen wird, schlüpft als nächstes in die Rolle des Farbrufenden.
Pädagogischer Impuls für die Friedenspädagogik in der Kita: Kinder lernen, wie es ist zugehörig zu sein oder nicht. Und wie schnell das wechseln kann. Eine Runde lang sind sie in »Sicherheit«, weil sie die »richtige« Farbe auf ihrer Kleidung haben – und in der nächsten Runde werden sie gejagt. Eine Runde später sind sie die Person, die andere jagt usw.
Herkunft: Krim | Anzahl der Spielenden : ab 3 | Alter: ab 3 Jahren
Welche Spiele spielen die Kinder in deiner Kita? Und was können sie daraus für den Umgang mit Konflikten lernen? Hinterlasse uns doch einen Kommentar oder schreibe uns eine Email an kontakt(et)kita-global.de


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