Koffer mit Bildungsmaterialien zur Friedensbildung in der Kita

Friedensbildung in der Kita – Praxisbeispiele

Friedensbildung kann gar nicht früh genug starten. Schon in der Kita können Kinder lernen, wie sie konstruktiv mit Konflikten umgehen. Dabei ist es jedoch wichtig, den Fokus auch auf die körperlich-sinnliche Erfahrung zu lenken und spielerisch an die Themen heranzugehen. Während des Werkstatt-Treffens 2026 im Tagungshaus Lebensbogen sammelten wir verschiedene Praxisbeispiele, wie Friedensbildung in der Kita freudvoll gelingen kann. Die Hauptreferent*innen waren die Friedenspädagogin Sibylle Weiler und der Friedenspädagoge Karl-Heinz Bittl vom Fränkischen Bildungswerk für Friedensarbeit e.V. Hier der Überblick:

1. Welt-T-räume – ein Koffer

Für Kinder ab fünf Jahren bietet das Fränkische Bildungswerk für Friedensarbeit einen Koffer voller Materialien an. Schwerpunkt sind hier die SDGs (insbesondere natürlich SDG 16 „Frieden und Gerechtigkeit“) sowie „Freundschaft“ und „Verbundenheit“. In dem Koffer selbst finden sich zum Beispiel ausgewählte Bilderbücher. Zu manchen haben die Friedenspädagogin Sibylle Weiler und der Friedenspädagoge Karl-Heinz Bittl auch Bilder für ein Kamishibai gemacht. Zudem gibt es auch eine Weltkarte auf einem Tuch, Bastelmaterialien für Friedenstauben und Kraniche sowie vier Kooperationsspiele, die mit den SDGs in Verbindung stehen. » Link zum Angebot

Sibylle Weiler sitzt in einem Kreis von rund 20 Menschen und erklärt die Materialien des Koffers für Friedensbildung in der Kita.
Sibylle Weiler vom Fränkischen Bildungswerk für Friedensarbeit e.V. erklärt die Inhalte und Methoden ihres Materialienkoffers für die Friedensbildung in der Kita beim Kita-Global Werkstatt-Treffen im August 2026.

2. Stadt des Friedens

Dieses Projekt haben Sibylle Weiler und Karl-Heinz Bittl eher mit älteren Kindern durchgeführt: Sie haben mit ihnen aus Pappe und anderen Materialien eine »Stadt des Friedens« gebaut. Die Kinder selbst sollten entscheiden, was es in einer solchen Stadt braucht (und was nicht darin zu finden sein soll). So konnten sie spielerisch die sechs verschiedenen Aspekte der Konfliktbearbeitung erfahren.

Zum Beispiel: Welche Regeln brauchen wir? Was für Rollen gibt es und wer füllt sie aus? Wie sehen unsere Strukturen? Welche Kultur haben wir? Was für Werte sind uns wichtig? Und vieles mehr. Zwei wesentliche Erkenntnisse der beiden waren: Die Kinder wollten auf gar keinen Fall eine Schule in ihrer Stadt des Friedens haben! Und selbst ein Kind, das informell eher außerhalb der Gruppe stand, konnte aufgrund seiner formellen Rolle ein starkes Gefühl von Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit erfahren.

Eine Sammlung von Häusern aus der Stadt des Friedens - gebaut aus Kartons und bunt bemalt ...
Die Stadt des Friedens, gebaut aus Pappkartons und bunt bemalt.

3. Die Geschichte mit dem Hasen und dem Wolf

Was ist der Unterschied zwischen »Gegner:innen« und »Feind:innen«? Nun, Gegner:innen haben zwar unterschiedliche Standpunkte, schätzen sich aber als Personen gegenseitig und behandeln sich mit Respekt und Wertschätzung entlang gemeinsamer Regeln. Mit Feind:innen gibt es keinen Austausch, keinen Kompromiss und keinen beidseitig konstruktiven Ausgang. Feind:innen »dürfen vernichtet« werden (real oder sozial). Und wie ist das nun mit dem Hasen und dem Wolf?

Es gibt da so eine Geschichte von einem Hasen und einem Wolf, die tatsächlich Freunde sind. Auch, wenn sie natürlich wissen, dass der eine der Fressfeind des anderen ist, kommen sie gut miteinander aus. Bis eines Tages der Wolf zum Feind wird … Hier bricht Bittl ab und bittet die Kinder, die Geschichte zu Ende zu malen (oder zu kritzeln für diejenigen, die sogar schon in ganz jungen Jahren glauben, sie könnten nicht malen). Anschließend stellen die Kinder ihre Geschichten vor und gemeinsam überlegen sie, wie unterschiedlich ihre Vorstellungen von so einem Konflikt sind.

P.S. Das Buch heißt »Wer hat Angst von einem Hasen«, kommt von Grégoire Solotaref, ist zwar leider schon vergriffen, aber antiquarisch in diversen Online-Buchläden zu haben.

Die Materialien zur Herstellung des Friedenskissens: Stoffe, Faden und Nadel sowie Schafwolle und Rosenblätter, Lemon Verbena und Lavendel.
Die Materialien zur Herstellung des Friedenskissens: Stoffe, Faden und Nadel sowie Schafwolle und Rosenblätter, Zitronenverbene und Lavendel.

4. Frieden in der Hosentasche

Dieses Projekt beschrieben Bittl und Weiler nicht nur, sie setzten es am Dienstagnachmittag während des Werkstatt-Treffens von Kita-Global im August 2026 konkret mit einem Teil der Teilnehmenden um. Das Projekt begann damit, dass alle ein Bild davon malten, was sie mit »Frieden« verbanden. Nach zehn Minuten gab es dazu in einer Runde einen Austausch. Dann erzählte Bittl die Geschichte »Der Schatz« von Martin Buber über den Rabbi Eisig, der in Prag nach einem Schatz sucht und ihn dann zuhause unter seinem Ofen findet. Das Fazit: Auch den Frieden finden wir, wie den Schatz, bei uns zuhause!

Zwei Hände nähen ein Friedenskissen.
Beim Nähen des Friedenskissens im August 2026 während des Kita-Global Werkstatt-Treffens im Tagungshaus Lebensbogen nahe Kassel.

Um dies zu verankern, nähten wir alle ein Kräuterkissen. Rose, Lavendel, Zitronenverbene – alles aus dem Garten von Sibylle Weiler. Gefüllt in ein Kissen, auf dessen Stoff das Fränkische Bildungswerk für Friedensarbeit ein Friedensmotiv hatte drucken lassen. Die Stille, die Konzentration, die wunderbaren Materialien und der herrliche Duft berührte uns alle nach den kopflastigen Stunden, die an diesem Tag vorangegangen waren. Entsprechend tief und verbunden fiel die abschließende Austauschrunde mit der Frage aus: »Wo hast du einen Ort des Friedens, an dem du dieses Kissen des Friedens platzieren möchtest?« Die wichtigste Erkenntnis: Stille, die Arbeit mit den Händen, das Ansprechen aller Sinne – das macht Bildungsarbeit in der Kita erst rund!

Eine Gruppe von Menschen. Die Frau in der Mitte hält ein Kinderbuch hoch und spricht.
Beim Werkstatt-Treffen werden mehrere Kinderbücher von verschiedenen Kleingruppen angeschaut, bewertet und erste Ideen für Projekte rund um die Bücher und für die Friedensbildung in der Kita entwickelt.

5. Projektideen rund um Kinderbücher

Alle Teilnehmenden des Werkstatt-Treffens von Kita-Global im Tagungshaus Lebensbogen verteilten sich an einem Vormittag in fünf Gruppen, schauten sich jeweils ein Bilderbuch an, das sich in irgendeiner Weise mit dem Thema »Frieden« beschäftigte, und entwickelten dann erste Ideen für ein Projekt rund um das Buch. Hier die Ergebnisse:

»Mein Traum von deiner Welt«

Ein Kind aus einer vielleicht nicht allzu fernen Zukunft spielt und lebt inmitten von Abfällen. Müll türmt sich auf und droht alles Lebendige zu ersticken. Das Kind trägt eine Krone aus den Überresten des Konsums. Jede Farbe ist aus den Seiten des Buches verschwunden. Dann findet es eine Verbindung zur Hoffnung: Ein Buch, das ihm von der Vergangenheit erzählt – und zugleich von einer anderen Zukunft. Und nun wird es bunt … Für die Teilnehmenden war dies ein Buch der Hoffnung. Es erzählte von Selbstwirksamkeit. Ideen für begleitende Maßnahmen waren Bewegungsspiele, die Themen wie »Gerechtigkeit« und »Konflikte lösen« berührten; Philosophieren mit Kindern; und eine Krone aus Abfall mit den Kindern basteln. » Link zum Buch

»Vimala gehört zu uns«

Das Buch handelt von dem indischen Mädchen Vimala, das nach den Sommerferien zu Ida und Henri in die Klasse kommt. Schnell freunden sie sich an. Doch dann fangen einige ältere Schüler an, Vimala mit ausländerfeindlichen Parolen zu ärgern und zu bedrohen. Henri und Ida sind erst verunsichert, lassen sich dann aber mit ihren Klassenkamerad:innen etwas einfallen … Die Teilnehmenden kritisierten, dass die Geschichte Vimala als passiv und hilfsbedürftig, die deutschen Kinder aber als aktiv und helfend darstellten. Damit würden Klischees verfestigt. Die Teilnehmenden würden das Buch daher nicht weiterempfehlen. Als Projekt schlugen sie vor, mit den Kindern zusammen unterschiedliche Perspektiven zu erforschen und zu hinterfragen, welche Rolle Hautfarbe, Sprache, Kultur etc. für die Verteilung der Rollen spielte.

»Frau Noahs Garten«

Dieses Buch erzählt davon, wie Menschen den Verlust ihrer Heimat und das Ankommen in der Fremde bewältigen und sich ein neues Zuhause schaffen können. Frau Noah hat nämlich – entgegen den Vorstellungen ihres Mannes – Samen für einen wundersamen Garten in die Arche mitgenommen. Zusammen mit den Kindern pflanzt und sät sie nach der Flut und zeigt, dass Veränderung und Wachstum Geduld brauchen. Auch wenn es Kritik an dem Buch oder zumindest geteilte Meinung gab, konnten sich die Teilnehmenden vorstellen, mit den Kindern ergänzend zum Buch etwa einen eigenen phantastischen Garten zu malen oder zu basteln und sich philosophierend der Frage zu widmen, wie sich Kinder ein gutes Zuhause schaffen können.

»Die Blumenfrau«

In dem Buch von Anne-Christin Plate kommt jeden Morgen eine Blumenfrau zur Ecke an der Kreuzung. Dort sitzt sie, ihre Blumen vor sich ausgebreitet, während die Menschen an ihr vorbei hasten. Der kleine Wanja freut sich, wenn er sie sieht. Auch wenn die Begegnungen kurz sind, so ist die Blumenfrau für ihn etwas Besonderes. Doch eines Tages ist sie nicht mehr da … Den Teilnehmenden gefiel das Buch gut. Vor allem, weil Wanja der Frau mit Wertschätzung und Respekt begegnet, anders als die anderen Menschen. Und anders als die meisten von uns, wenn sie Menschen, die betteln oder etwas verkaufen wollen, auf der Straße sitzen sehen. Auch diese Gruppe würde mit den Kindern erst einmal philosophieren zu Themen wie »Armut«, »Gerechtigkeit« und »Zuhause« bzw. »Obdachlosigkeit«. Dann konnten sie sich Rollenspiele vorstellen, in denen die Kinder einmal auf dem Boden saßen, einmal die Vorbeigehenden spielten und einmal Wanja, um anschließend darüber zu sprechen, wie sich die unterschiedlichen Rollen angefühlt hatten. » Link zum Buch

»Wenn der Löwe brüllt«

Ein hungriger Löwe wird unruhig und knurrt leise, wie ein leerer Magen. Und wenn der Hunger groß wird, reißt er sein Maul auf und brüllt so richtig drauflos! Das Bilderbuch von Nasrin Siege und Barbara Nascimbeni erzählt die Geschichte der beiden Straßenkinder Emanuel und Bilali und, wie sie mit diesem Löwen umgehen. Denn sie kennen ihn genau. Wenn sie Hunger haben, müssen sie sich selbst etwas suchen. Ansonsten sieht man, wie sie in der Sonne spielen und lachen und sich ausmalen, wie das Leben ist, wenn sie groß sind. Das bringt uns die beiden ziemlich nah und wir merken: Die sind genau wie wir! Den Teilnehmenden gefiel das Buch sehr gut, u.a. weil es nicht moralisch mit dem Thema umging, sondern einfach zeigte, dass die beiden manchmal keine andere Wahl hatten, als Lebensmittel zu klauen. Als Projekt zu dem Buch überlegten sie, mit den Kindern zusammen herauszufinden, welche Handlungsmöglichkeiten sie in der Kita haben, um an dem Leben von Straßenkindern etwas zu ändern. Wie sie selbst mit dem Löwen »Hunger« umgehen. Und dass der Löwe nicht nur in Afrika sein Unwesen treibt, sondern dass auch bei uns Kinder hungern … » Das Buch aus dem Hammer Verlag ist nur noch antiquarisch zu haben.

Ein Tipp von Kita-Global: Bewerte Kinderbücher doch mal mithilfe der Richtlinien des EPiZ Reutlingen. Schau mal durch deinen Bestand und sortiere mutig die Bücher aus, die nicht mehr zeitgemäß sind. Bewerte auch Neuanschaffungen nach den Kriterien. Hilfe bieten auch die Literaturempfehlungen für Kinderbücher zu Globalem Lernen von Kolibri.