Globale Gerechtigkeit in der Kita

Globale Gerechtigkeit geht uns alle an – auch in der Kita. Denn: Wie leben Kinder im globalen Süden? Was essen sie? Gehen sie auch zur Schule? Und was spielen sie? Solche Fragen treiben schon unsere Jüngsten um. Und darüber sollten Erzieher*innen mit ihnen reden. Wie? Dazu haben wir Hartmut Kowsky befragt, langjähriger Mitarbeiter in der Entwicklungszusammenarbeit und Bildungsreferent im Programm „Bildung trifft Entwicklung“ (BtE).

Wieso ist aus Ihrer Sicht Globales Lernen bereits in der Kita wichtig?

Kinder kommen durch die Medien ständig mit globalen Themen in Kontakt: Sie erfahren, dass einzelne Tierarten in Gefahr sind oder dass es Naturkatastrophen gibt. Sie brauchen deshalb die Gelegenheit, ihre Fragen zu stellen. Nur dann können sie einen guten Umgang mit diesen Themen finden. Meine Kinder waren im Kita-Alter mit mir bei meiner Arbeit in Marokko und an der Elfenbeinküste. Und es kamen Fragen wie: Wieso sehen die Kinder hier anders aus? Warum wachsen hier Ananas und Maniok und bei uns nicht? Warum wird das Wasser für die Familien auf dem Land aus Brunnen genommen und kommt nicht aus dem Wasserhahn? Und viele weitere Fragen. Ich bin überzeugt, dass Kinder im Kita-Alter die Vielseitigkeit und Andersartigkeit sehr wohl wahrnehmen. Von daher finde ich es wichtig, Globales Lernen in der Kita zum Thema zu machen. Und auch, was man voneinander lernen kann und wie die Kinder Respekt vor anderen Kulturen gewinnen können.

Welche Rolle spielen dabei die Themen „Ernährung“ und „Landwirtschaft“?

Ernährung und Landwirtschaft spielen eine große Rolle in den Ländern des globalen Südens. Die Landwirtschaft ist in diesen Ländern anders gestaltet und strukturiert. Dort sind die Einheiten viel kleiner. Oft gibt es Mischkultur und Subsistenzlandwirtschaft. Und die Familien verbringen einen Großteil ihrer Zeit in der Landwirtschaft. Diese ist oft die einzige Einnahmequelle. Daneben dient sie vielfach der eigenen Ernährung, reicht dazu aber häufig nicht aus. Deshalb gibt es meist nur eine Mahlzeit am Tage und die Ernährung ist einseitig. Das wirkt sich insbesondere auf die kindliche Entwicklung negativ aus. Eine ausreichende Ernährung – wie es sie etwa bei uns gibt – findet man in diesen Ländern selten. Es ist sehr oft ein Privileg der Reichen in Afrika und auch für uns.

Landwirtschaft und Ernährung sind daher wichtige Aspekte des Globalen Lernens in der Kita. Insbesondere der Respekt und der Dank für die ausreichende Ernährung, die wir hier genießen. Es gibt viele Möglichkeiten dies den Kindern in der Kita zu vermitteln. Zum Beispiel können Kinder das gemeinsame Mittagessen mit saisonalem Gemüse und Obst zubereiten. Und dann können sie zusammen darüber nachdenken, woher die Lebensmittel kommen. Oder wie die Pflanzen aussehen. Oder wie die landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland und anderen Ländern aussehen.

Fortbildung mit Hartmut Kowsky

Am 26. und 27. November 2019 bietet Kita-Global.de in Kooperation mit der Gesellschaft für solidarische Entwicklungszusammenarbeit MV (GSE) e.V. gemeinsam mit Hartmut Kowsky und Virginia Hetze eine kostenlose Fortbildung für Erzieher*innen und pädagogische Fachkräfte im Elementarbereich an zum Thema: „Die Welt ist bei uns angekommen! Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit beim Thema Ernährung“
Die Fortbildung findet in der ILL Bildungsakademie in Rostock statt.

Wie leben die Kinder im Globalen Süden?

Daübere könnte man einen Roman schreiben! In Zentral- und Ostafrika konnte ich sehen, dass viele Kinder oft schon im Alter von fünf und sechs Jahren bei der Landwirtschaft mithelfen müssen. Es sind meist die Mädchen. Kitas habe ich ganz selten gesehen. Selbst zur Schule gehen nicht alle Kinder, weil das Geld fehlt oder die Kinder arbeiten müssen – vor allem auf dem Land. Auch sind die Schulwege sehr lang. Oft mehrere Kilometer zu Fuß. Spannend ist in der Hinsicht der Film „Nicht ohne uns“, der das Leben von 16 Kindern aus aller Welt zeigt.

Aber natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten: Spielen ist bei Kindern überall auf der Welt angesagt. Hier sind die Kinder sehr kreativ: So basteln sie aus Pflanzmaterial Fußbälle oder Puppen. Aus Drähten bauen sie kleine Autos oder ebenfalls Puppen. Natürlich erkunden die Kinder auch die Natur und begeistern sich für viele Spiele.

Sollten Erzieher*innen auch schwierige Themen ansprechen, wie Flucht, Hunger und Not? Und wenn ja, wie?

Auch wenn es schwierige Themen sind, sind diese existent in unserer Welt. Und die Kinder in der Kita sind mit diesen Themen tagtäglich konfrontiert. Das kann durch Migrantenkinder passieren oder durch die Medien. Einige Möglichkeiten, wie man über Not und Hunger sprechen kann, habe ich bereits aufgeführt. Daneben können sich die Kitas untereinander austauschen. Oder Kinder mit Migrationshintergrund erzählen aus ihrem Land und bringen typische Dinge mit. Und schließlich gibt es zahlreiche gute Bilderbücher zu diesen Themen, wie etwa „Der Schaurige Schusch“ von Charlotte Habersack.

Vielen Dank für das Gespräch!

Über Hartmut Kowsky

Hartmut Kowsky ist seit 2016 Bildungsreferent im Programm Bildung trifft Entwicklung (BtE) und hat über 30 Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit gearbeitet. Seine Schwerpunkte liegen auf der Nachhaltigkeit von Entwicklungsprojekten und dem ökologischen Landbau in Ländern des Globalen Südens.

Bildquelle: „Maai Mahiu, Kenya“ (flickr) by teachandlearn is licensed under CC BY-NC-SA 2.0