Positive Psychologie in der Kita – wir hatten die großartige Gelegenheit, Dr. Daniela Blickhan für einen Impuls-Vortrag beim vergangenen Werkstatt-Treffen begrüßen zu dürfen. Sie ist eine Koryphäe in diesem Bereich in Deutschland und erklärte, wieso die Positive Psychologie für BNE, Globales Lernen und die Arbeit im KITA-Alltag enorm wichtig ist.
„Resilienz, Glück und Seifenblasenmomente“ lautete der Titel des letzten Werkstatt-Treffens von KITA-GLOBAL und dem Partnernetzwerk Frühkindliche Bildung (FrüBi) am 8. Dezember 2025. Die Diplom-Psychologin Dr. Daniela Blickhan gab dazu den einleitenden Impulsvortrag über die Bedeutung von Positiver Psychologie für die BNE, Globales Lernen und die KITA-Arbeit. Sie leitet seit mehr als 30 Jahren das Inntal Institut in Rosenheim. Dort gibt es Ausbildungen und Seminare zur Positiven Psychologie, sowohl vor Ort in Rosenheim als auch online. Durch ihr Studium der Positiven Psychologie in London kann sie aktuelle Forschungsergebnisse einbringen und praxisnah vermitteln.

Was ist Positive Psychologie?
Psychologie ist die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten der Menschen, so begann Dr. Daniela Blickhan ihren Vortrag. Das bedeutet, dass untersucht wird, was zwischen Kopf und Herz so los ist und wie sich das äußert. Hier spielen die drei Bereiche „Denken“, „Handeln“ und „Fühlen“ eine Rolle. Die Positive Psychologie, die es erst seit 40 bis 50 Jahren gibt, beschäftigt sich laut Dr. Daniela Blickhan hingegen mit Fragen wie:
- Wie kann ich ein gutes Leben führen?
- Wie kann ich morgens mit Kraft und Freude aufstehen und abends zufrieden ins Bett gehen?
- Wie können wir so denken, dass Mut und Optimismus entstehen?
- Wie können wir so handeln, dass ein gutes Zusammenleben möglich ist?
- Und wie entstehen gute Gewohnheiten, sodass ich mit meinem Verhalten jeden Tag ein Stückchen mehr so werde, wie ich gerne sein möchte?
Bei all dem spielen laut Dr. Daniela Blickhan positive Emotionen eine wichtige Rolle.
Die Golfballmomente
Gefühle geschehen immer in der Gegenwart, in Echtzeit, so Dr. Daniela Blickhan – auch wenn die Gedanken, die sie verursachen, von Ereignissen aus der Vergangenheit oder Zukunft kommen. Müssen wir also einfach nur an etwas Schönes denken und schon sind wir glücklich? So einfach ist es leider nicht, das wissen wir alle aus unserem Alltagserleben. Das liegt an dem, was Dr. Daniela Blickhan die „Werkseinstellungen“ unseres Gehirns nennt: den sogenannten Negativity-Bias, also die „negative Verzerrung“ in unserer Wahrnehmung.
Was das konkret bedeutet, machte Dr. Daniela Blickhan an einem kleinen Experiment deutlich. Sie zeigte eine Reihe von einfachen Rechnungen, von denen eine einzige falsch ist. Und erstaunlicherweise ist es diese, die den allermeisten Menschen zuerst ins Auge fällt. Unser Gehirn erkennt also zuerst die Fehler, das Falsche. Das ist der „Negativity Bias“, eine negative Verzerrung unserer Wahrnehmung. Aus der Perspektive der menschlichen Entstehungsgeschichte ist das sinnvoll: Unser Gehirn erkennt die Reize als erstes, die potentiell bedrohlich oder gefährlich sind. Dr. Daniela Blickhan nennt dies die „Golfballmomente“. Denn wenn ein Golfball geflogen kommt, ist es gut, das schnell zu erkennen und rechtzeitig den Kopf in Sicherheit zu bringen – andernfalls könnte es schmerzhaft werden.
Das hat jedoch Auswirkungen auf unser ganzes Leben: Wenn wir einen Tag mit fünf positiven und einer negativen Begegnung hatten, dann denken wir am Abend an die negative. Wenn wir ein Projekt mit 10 Schritten hatten, von denen 7 gut liefen und 3 schlecht, denken wir am Ende an die schlechten. Das sind nach Dr. Daniela Blickhan die Golfballmomente. Studien zeigen, dass ihre Wirkung länger anhält als die von positiven Gefühlen.
Die Seifenblasenmomente
Anders ist das mit den von Dr. Daniela Blickhan so genannten „Seifenblasenmomenten“. Das sind die Situationen, die positive Emotionen geweckt haben. Positive Gefühle schweben sanft und langsam heran wie Seifenblasen, sie sind nicht so einfach zu erkennen und zerplatzen außerdem auch noch leicht. Oder anders gesagt: Positive Gefühle haben eine andere Wirkung. Sie kommen sanfter, langsamer daher und sind viel fragiler. Der Golfball kommt schnell und hart. Und wenn er in eine Seifenblase rauscht, ist es vorbei mit unseren positiven Gefühlen, wie Dr. Daniela Blickhan das treffend schildert.
Während sich beim Golfballmoment unsere Aufmerksamkeit verengt, wie in Kampf- oder Fluchtmodus wechseln und unser Körper Stressreaktionen zeigt, weitet sich bei Seifenblasenmomenten buchstäblich unsere Wahrnehmung, so Dr. Daniela Blickhan in ihrem Vortrag. Dann sind wir explorationsbereit und gehen raus in die Welt. Seifenblasenmomente helfen uns also beim Wachsen – und deshalb ist besonders in Kitas so wichtig und sinnvoll, den Fokus aus Seifenblasenmomente zu trainieren.
Denn unser Gehirn nimmt zwar leichter die Golfballmomente wahr. Doch zu viele davon machen uns krank – wie man an den derzeitigen Entwicklungen sehen: immer mehr Erwachsene leiden unter Stresserkrankungen und das Alter, in dem Menschen erstmals Stress erleben, sinkt immer weiter und wird bald das Kindergartenalter erreicht haben.
Positive Psychologie in der Praxis
Hier kommt die Positive Psychologie ins Spiel. Mit ihr können wir unser Gehirn trainieren, mehr Seifenblasenmomente wahrzunehmen. Das weckt positive Emotionen, reduziert Stress, stärkt die Gesundheit und macht glücklicher und zufriedener. Und das ist bereits wissenschaftlich nachgewiesen (wozu Dr. Daniela Blickhan in ihrem Impulsvortrag den Ablauf und die Ergebnisse eines Forschungsexperiment schilderte): die bewusste Wahrnehmung von Seifenblasenmomenten füllen den Speicher, sie bauen Resilienz auf.
Aber wie verändern wir nun unsere Wahrnehmung? Verhaltensveränderungen funktionieren laut Dr. Daniela Blickhan nicht über Einsicht! Wir brauchen vielmehr Trainingsangebote, um das Gehirn so zu trainieren, dass es die Seifenblasen wahrnimmt. Die schweben sonst nämlich unbemerkt vorbei. Zum Beispiel so etwas wie die Intervention, die in dem Kasten am Eingang dieses Beitrages beschrieben ist: „Worüber hast du dich heute gefreut?“ Eine weitere Möglichkeit ist ein positiver Tagesrückblick.
Der positive Tagesrückblick lässt sich in der Familie oder in der Kita einführen – etwa beim Mittag- oder Abendessen. Dadurch rücken nicht nur positive Gefühle in den Vordergrund, wir vertragen auch das Essen besser und wir freuen uns auch mit anderen mit. Für Eltern könnten dies auch ein Abendritual sein. Mit kleineren Kindern auf der Bettkante, mit Teenagern an der Tür stehend: „Was war heute schön? Wie hast du das gespürt?“
So ein Trainings-, Übungs- und Entfaltungsraum für unsere Psyche ist überaus hilfreich. Denn die positiven Emotionen, die dabei entstehen, sind für unsere Psyche wie Orangen für unser körperliches Immunsystem, meinte Dr. Daniela Blickhan gegen Ende ihres Vortrags. Wir alle bräuchten täglich eine bestimmte Dosis an positiven Gefühlen, die uns auf psychischer und körperlicher Ebene resilienter machen.
Fragen und Antworten
Im Anschluss gab es noch Zeit für eine Reihe von Fragen. Unter anderem:
Was, wenn es Menschen stresst, weil sie nichts Schönes in ihrem Leben finden?
Dr. Daniela Blickhan: Eine gute Frage ist in so einer Situation „Wie hoch hast du deine Latte gelegt? Suchst du nach Feuerwerksmomenten oder Seifenblasenmomenten?“ Und wenn es dann immer noch nichts gibt, dann kann man nach etwas fragen, was nicht ganz so schlimm war.
Sind Katzen-Videos (die im Experiment vorkamen, um positive Emotionen zu wecken) nicht eine Realititätsflucht?
Dr. Daniela Blickhan: Ja, das stimmt. Katzen-Videos auf Instagram zu scrollen dringt nicht wirklich zu uns durch. Da braucht es schon einen wirklich beeindruckenden Post. Aber wir können uns auch kleine Anker im Alltag setzen: ich habe auf meinem Schreibtisch eine Pinguinfigur, die ich aus Japan mitgebracht habe. Es kann auch ein Bild auf Ihrem Home-Screen von einem wirklich schonen Moment sein – im Urlaub oder so. Dabei sollten Sie das Bild immer mal auch wieder tauschen, denn unser Gehirn mag auch gerne etwas Neues sehen.
Kinder können das wirklich lernen. Wir haben das in unserem Projekt ja in der Praxis ausprobiert und wir können das bestätigen.
Dr. Daniela Blickhan: Eine Freundin hat mir erzählt, dass sie Kärtchen mit positiven Gefühlen zuhause hat. Abends zieht jedes Familienmitglied eine Karte und erzählt, wann und wo es dieses Gefühl heute erlebt hat. Das ist ein Ritual für die ganze Familie und es gibt Kindern eine Basis von unschätzbarem Wert mit. Das kann man in der Kita machen, im Team, vielleicht an Weihnachten mit der Familie …
Woran liegt es, dass heute Kinder mehr Stressreaktionen zeigen, als noch vor 20 Jahren. Ich leite seit 30 Jahren eine Kita. Liegt das an einem anderen Bindungsverhalten oder woran? Denn zum Beispiel in der Nachkriegszeit waren die Rahmenbedingungen ja auch nicht ideal …
Dr. Daniela Blickhan: Ja, es hat sich viel verändert. Klar hatten unsere Großeltern kein leichteres Leben, aber ein anderes. Was hat sich verändert? Der Anspruch, was ein Kind bedeutet und was Elternsein bedeutet, das hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Für die meisten Eltern ist ein Kind heute ein Projekt. Der Leistungsdruck steigt. Das war bei unseren Großeltern noch nicht so. Auch das Tempo hat sich beschleunigt. Das bedeutet: Das Bindungsverhalten verändert sich. Unser Gehirn und unsere Emotionen sind aber noch genauso langsam wie in der Steinzeit. Deshalb brauchen Kinder Zeit, damit die Emotionen einsinken können. Da spielen die Screenzeiten der Eltern eine große Rolle. Wenn Eltern ins Handy schauen, dann findet ein Kontaktabbruch statt. Das bekommt schon ein ganz kleines Kind mit.
Auch die Aktivierung des Negativity-Bias der Eltern durch die Nachrichten auf dem Handy überträgt sich auf die Kinder. Das geht bei Golfballmomenten ebenfalls schneller als bei den Seifenblasenmomenten. Entschleunigung ist daher eine wichtige Angelegenheit für ein positives Bindungsverhalten. Das gilt für Kinder, aber auch für Erwachsene. Zeit für Fragen wie „wie geht es mir? Wie bin ich hier? Was spüre ich eigentlich?“ ist sehr wichtig.



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