Was bedeutet Globales Lernen?

Globales Lernen mit Kindern hat viele spannende Aspekte: Wie leben Kinder in anderen Ländern oder aus anderen Kulturen? Wovon träumen sie? Wie sieht ihr Alltag aus? Was verbindet uns – und worin unterscheiden wir uns? Für Kinder sind das wesentliche und spannende Erfahrungen.

Im Alter von drei bis sechs Jahren haben Kinder eine ganz eigene Logik, die Realität und Phantasie verbindet, möchten erkunden, begreifen und hinter die Dinge sehen. Schon kleine Kinder wollen wissen, warum Gleichaltrige aus anderen Ländern anders aussehen als sie, warum hierzulande keine Bananen wachsen, warum nicht überall in der Welt das Wasser so einfach aus dem Wasserhahn kommt. Globales Lernen vermittelt Einblicke in weltweite Zusammenhänge und praktische Herangehensweisen zu nachhaltigen Themenbereiche.

Globales Lernen ist ein integraler Bestandteil einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

Das heißt auch, dass Globales Lernen mit Kindern sehr vielfältig ist und viele verschiedene Schwerpunkt haben kann: Bildung, Kinderrechte, Ernährung, Religion, Ungerechtigkeiten, Solidarität und vieles mehr. Edith Klingsporn, Mitarbeiterin im Wissenschaftsladen Bonn e.V., bringt auf den Punkt, was Globales Lernen bedeutet:

Unsere gemeinsame Basis:

Das Leitbild der nachhaltige Entwicklung und die völkerrechtliche bindende internationale Menschenrechtsverträge sind die Basis des Globalen Lernens.

Viele ErzieherInnen fragen sich, ob es denn zu verantworten ist, bereits kleine Kinder mit den vielschichtigen Problemen der „Einen Welt“ zu konfrontieren? Ist das nicht zu fern, zu traurig, zu politisch? Erfahrungen zeigen, dass es richtig und wichtig ist, Kinder ab drei Jahren schon über den eigenen Horizont blicken zu lassen. Viele junge Kinder machen engagiert mit und entwickeln ein erstaunliches Verständnis für Ereignisse und Verhältnisse, die ihren eigenen Alltag übersteigen.

Sechs Prinzipen für die Kita-Praxis

Hilfreich sind dabei die folgenden sechs Prinzipien, um Kinder in eine ferne, nicht unproblematische Welt mitzunehmen und dabei auch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern. Sie stammen aus dem Aufsatz „Eine Welt in Kindergarten und Grundschule“ des Grundschulpädagogen und Entwicklungspsychologen Professor Dr. Rudolf Schmitt.

Info Grafik Top 6 Prinzipien Globales Lernen

Was bedeuten die 6 Prinzipien?

Klicken Sie auf die Prinzipien unten, um mehr zu erfahren:

1. Soziale Nähe

Sein erstes Prinzip ist „Sozialen Nähe“ und grundlegend für die entwicklungspädagogische Arbeit mit Kindern. „Alle Bemühungen um ein partnerschaftliches Verhältnis zu den Menschen in aller Welt müssen eingebettet sein in eine umfassende Sozialerziehung in der Gruppe“, so Rudolf Schmitt. Das heißt zum Beispiel, dass Kinder Gemeinsamkeiten entdecken:

Auch wir sind Kinder wie alle anderen Kinder dieser Welt. Wir fühlen uns wohl, wenn Mama und Papa und all die anderen zusammen mit uns glücklich sind. Auch wir träumen von einem kleinen Zimmer, in dem wir alles einrichten, wie wir es wollen. Auch wir lassen den Sand und den nassen Matsch gern durch unsere Finger laufen, wenn man uns lässt…

Natürlich sollten ErzieherInnen die Gemeinsamkeiten  je nach Gruppe individuell hervorheben. Themen wie Spielen, Wohnen, Sport, Religion, Essen, Familienalltag und vieles mehr lassen sich laut Schmitt nahtlos in die scheinbar ferne Welt erweitern und mit dem Alltag der Kinder verbinden.

2. Kein Schonraum: Wirkliche soziale Probleme

Wichtig ist, dass man soziale Probleme anspricht und dabei keinen Schonraum entstehen lässt (Prinzip zwei). Das bedeutet, dass die Kinder Empathie, Kritikfähigkeit, kooperatives oder gar solidarisches Verhalten erlernen. Doch das gelingt „nur in der Auseinandersetzung mit wirklichen sozialen Problemen“, wie Schmitt schreibt – und das global.

Weltweit leben Kinder keineswegs in einem Schonraum. Das Leben in der Gruppe, in der Klasse und in der Familie kann spannungsgeladen sein. ErzieherInnen helfen Kindern nur, wenn sie diese Wirklichkeit besser durchschauen und bewältigen lernen – auch am Beispiel anderer Kinder, die es teilweise eventuell noch schwerer haben.

3. Exotik und Elend vermeiden

Prinzip drei: Die Arbeit rund um Kinder in der „Einen Welt“ kann schnell klischeehaft werden und in die Exotik oder Elendsdarstellungen abdriften – ohne dass dies gewollt ist. Um dies zu vermeiden, sollten ErzieherInnen von der vertrauten Vorstellungs- und Erlebniswelt der Kinder nicht zu sehr abweichen und eben keine Klischees verwenden. Schmitt warnt dabei vor zwei Fehlern: „Das Abgleiten in bloße Folklore – andere Länder als die exotische Fremde – oder die Reduktion der Eine-Welt-Problematik auf Hunger und Krankheit, ein Bild, das vor allem in den Medien immer noch gerne und eindringlich vermittelt wird.“

4. In konkreten Situationen handeln

Es unterstützt Kinder beim Lernen sehr, wenn ErzieherInnen ihnen überschaubare Episoden anbieten. So entsteht ein „Transfer von konkret zu konkret, wie es der Aufnahmefähigkeit von Kindern in dieser Entwicklungsphase entspricht“, erklärt Schmitt.

Geht es etwa um die Ernährung in anderen Ländern, dann lassen sich nicht alle Aspekte auf einmal benennen und erarbeiten. Dann können ErzieherInnen Akzente setzen und allmählich einen Baustein an den anderen fügen, wie Schmitt meint. Dieses vierte Prinzip beinhaltet auch, die Inhalte handlungsorientiert zu vermitteln: Basteln, Malen, Rollenspiele oder auch Gedankenreisen lassen die Informationen auf fruchtbaren Boden fallen.

5. Problemlösung in Sichtweite

Für die Bildungsarbeit mit Kindern sind Identifikationsfiguren wichtig. Die Kinder können zu ihnen eine Beziehung aufbauen und als Begleiter auf ihre Reisen mitnehmen. Auch Problemlösungen sollen für die Kinder in Sichtweite sein: „Sie dürfen nicht mit unlösbaren Problemen allein gelassen werden. Zumindest eine simulierte, realutopische Problemlösung sollte versucht werden“, so Rudolf Schmitt zu seinem fünften Prinzip.

6. Solidarisches Verhalten als Zielsetzung

Das Ziel und sechste Prinzip der Arbeit beim Globalen Lernen ist die Entwicklung von solidarischem Verhalten, Empathie und Verständnis. Es reicht nicht, nur Verständnis für fremde Kulturen und Toleranz gegenüber andersartigem Verhalten zu haben, denn eine isolierte Einstellung bedeutet laut Schmitt oft Distanz und Überlegenheit. Doch gerade das will das Globale Lernen vermeiden.

 

Globales Lernen als Bildungskonzept

Georg Krämer vom Welthaus Bielefeld deutet darauf hin, dass der Begriff des Globalen Lernens nicht einheitlich definiert ist. Die Abgrenzungen gegenüber anderen Begrifflichkeiten wie „entwicklungspolitische Bildung“, „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ oder auch „interkulturelles Lernen“ sind auch nicht trennscharf. Krämer schlägt aber folgende – für die Praxis sehr nützliche – Definition vor. Sie ist ein Auszug aus „Was ist Globales Lernen? Sieben Thesen von Georg Krämer“ (Welthaus Bielefeld, 2008) :

Globales Lernen unterstützt den Erwerb von Kompetenzen, die wir brauchen, um uns in der Weltgesellschaft – heute und in Zukunft – zu orientieren und verantwortlich zu leben.
Globales Lernen versteht sich als ein Bildungskonzept, das alle Lernbereiche berührt. Globales Lernen will sowohl die Orientierung für das eigene Leben in der globalisierten Weltgesellschaft unterstützen als auch umgekehrt danach fragen, was wir im Sinne einer humanen Weltgesellschaft (Gerechtigkeit und Erhaltung der Erde) tun können oder sollten („global denken – lokal handeln“).
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Weitere Informationen

Hintergrundinformationen zum Thema „Globales Lernen“ finden Sie unter anderem hier:

  1. Globales Lernen für zukünftige Erzieher_innen, EPIZ Belin
  2. www.welthaus.de/bildungsbereich/globales-lernen
  3. VENRO: „Globales Lernen als Aufgabe und Handlungsfeld entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen“ (2000) Annette Scheunpflug: „Chancen und Grenzen des Globalen Lernens – ein pädagogische Reflexion“ (2004)