Interview mit Kizito Odhiambo, Bildungsreferent bei "Bildung trifft Entwicklung"

Vielfalt in der Kita

Kizito Odhiambo lebt und arbeitet seit neun Jahren in Deutschland. Er hat nicht nur ein Sozialunternehmen gegründet, das Kleinbäuer*innen beim Anbau und der Verarbeitung von Soja unterstützt (www.kedo-solutions.com). Als Bildungsreferent für Globales Lernen setzt er sich auch für Vielfalt in der Kita ein.

Odhiambo weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist mit Vorurteilen und Diskriminierung konfrontiert zu werden. Zum Beispiel denken viele Deutsche, dass er aus seinem Heimatland geflüchtet ist. „Dass ich nach Deutschland gekommen bin, um einen Freiwilligendienst zu absolvieren, können sich viele nicht vorstellen“, meint er. Das Bild der hiesigen Gesellschaft zeigt eben meistens nur weiße Helfer*innen in Afrika …

Als Odhiambo noch nicht lange in Deutschland war und die Sprache nicht gut beherrschte, wusste er oft nicht, wie er mit manchen Fragen, Witzen und Assoziationen zu ihm selbst oder Afrika umgehen sollte. „Ich habe viele Aussagen geleugnet, ignoriert oder ins Lächerliche gezogen, um Auseinandersetzungen zu vermeiden“, erzählt er. Doch das machte ihn unzufrieden. Er wollte lernen, sachliche Diskussionen zu diesen Themen zu führen und besuchte deshalb verschiedene Empowerment-Trainings und ließ sich dann beim Programm „Bildung trifft Entwicklung“ zum Referent weiterbilden. Heute ist er mit den Themenschwerpunkten Fairer Handel, Weltwirtschaft, Leben und Alltag in Kenia, sowie Vielfalt und Diskriminierung als Bildungsreferent aktiv. Wir haben mit ihm über Vorurteile und Vielfalt in der KITA gesprochen.

ZUM PROFIL VON KIZITO ODHIAMBO

Was sind die typischen Probleme, die es aufgrund von Vorurteilen und Rassismus geben kann?

Eine große Herausforderung ist, dass viele Menschen Vielfalt mit unterschiedlichen Nationalitäten oder mit einem Migrationshintergrund gleichsetzen. Doch diese Definition greift meiner Ansicht nach zu kurz. Denn zum einen spiegelt dies die Verschiedenartigkeit der Gesellschaft nicht wider – zum Beispiel, dass es sehr unterschiedliche familiäre und soziale Verhältnisse gibt, körperliche Beeinträchtigung und vieles mehr. Zum anderen erzeugt sie kulturelle Zuschreibungen.

Darüber hinaus ist es schade, wenn sich in einer Kita die Vielfältigkeit der Bevölkerung nicht in Themen oder Materialien wiederfindet, nur weil es vielleicht keine Kinder gibt, die sich direkt damit identifizieren. Das kann in einer Einrichtung bei den Erzieher*innen und Kindern das Gefühl festigen, dass es ein „Wir“ und „die Anderen“ gibt – und somit die Voreingenommenheit stärken. Damit einher gehen problematische Selbst- und Fremdbezeichnungen. Manche Begrifflichkeiten, die zum Kita-Alltag gehören, sind schlicht diskriminierende Ausdrücke, wie etwa „Mischlingskinder“.

Was viele Erzieher*innen leider auch oft übersehen ist die strukturelle Diskriminierung in der Gesellschaft. Diskriminierung scheint Vielen nur ein zwischenmenschliches Problem zu sein. Sie erkennen daher ihre Verstrickung in Institutionen nicht. Es ist wichtig, hier aufmerksam zu sein und es auch zu besprechen. Denn viele diskriminierende Situationen im Alltag sind subtiler geworden und lassen sich auch anhand gewisser Strukturen in der Kita erkennen.

Ein Beispiel hierfür ist, das sich Eltern auch aufgrund struktureller Aspekte – wie Öffnungszeiten und räumliche Nähe zum Wohnort – für eine bestimmte Kita entscheiden. Das stärkt Dominanzverhältnisse von bestimmten Gesellschaftsgruppen in der Kita und damit deren Abkapselung.

Viele sind sich ihrer Vorurteile ja auch nicht bewusst. Was können Erzieher*innen tun, um sich bewusst(er) damit auseinanderzusetzen?

Kein Mensch ist komplett frei von Vorurteilen. Das wäre illusorisch. Wichtig ist, dass man sich ihrer Existenz bewusst ist und Verantwortung für den eigenen Umgang mit ihnen übernimmt. Dazu ist es meiner Ansicht nach wichtig, sich für Eigen- und Fremdwahrnehmung zu sensibilisieren. Auf diese Weise können Erzieher*innen neue Perspektiven einnehmen, durch die sie sich in andere hinein versetzen können. Das ist eine wichtige Voraussetzung für Solidarität, die letztlich das zentrale Lernziel im Bereich „Globales Lernen“ ist.

Können Sie aus Ihrer Erfahrung ein positives Erlebnis schildern, wie sich dadurch eine Situation in einer Schule oder einer Kita entscheidend verändert hat?

Ich habe positive Rückmeldungen von teilnehmenden Erzieher*innen bekommen, die sich bewusster mit ihrer persönlichen Voreingenommenheit auseinandergesetzt haben. Die Empfehlung, bei sich selbst anzufangen und die eigenen Bilder und Normvorstellungen zu hinterfragen, haben Viele als eine hilfreiche Handlungsoption angenommen. Leider begleite ich die Teilnehmenden nicht in ihrem Alltag, um so von konkreten Erlebnissen und Veränderungsprozessen mitzukriegen. Ich weiß aber, dass man sich ein Leben lang mit diesem Thema auseinandersetzen kann und sich jede*r immer wieder beim Schubladendenken erwischt.

Und wie können Erzieher*innen auch schon mit Kita-Kindern über Rassismus, Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit sprechen?

Zunächst ist es wichtig, das Thema überhaupt anzusprechen und Diskriminierung allgemein beim Namen zu nennen. Hierzu können Erzieher*innen verschiedene Aktionen durchführen, die das Thema kindertauglich bearbeiten. So lernen Kita-Kinder von Anfang an, dass bestimmte Verhaltensweisen, Aussagen, Witze oder ähnliches nicht akzeptabel sind.

Ignorieren Erzieher*innen diskriminierende Situationen, dann vermittelt das weder sachliche Informationen, noch moralische Klarheit. Diskriminierende Verhältnisse werden dann also geduldet und ihre Akzeptanz verfestigt sich.

Außerdem sollten Erzieher*innen sicherstellen, dass sich alle Kinder in der Kita wiederfinden können. Nicht nur durch Bücher und Spielzeuge, sondern auch zum Beispiel im Personal. Natürlich ist der Umgang mit solch einem sensiblen Thema schwierig. Er braucht deshalb nicht nur den Einsatz von Erzieher*innen, sondern auch den der Kita-Leitung und der Eltern. Nur so ziehen alle Beteiligten am gleichen Strang.

ZUM PROFIL VON KIZITO ODHIAMBO

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